Der Ringelstock, ein fast vergessenes Hirtengerät
Karl Kessler

Wenn man heute die alteingesessene Westerwälder Landbevölkerung nach dem Aussehen und der Verwendung eines Ringelstocks fragt, erntet man Kopfschütteln. Niemand weiß sich mehr zu erinnern. Nur spärlich sind in der Heimatliteratur Hinweise auf einen Ringelstock zu finden, dagegen findet man in den älteren Mundartwörterbüchern meist kurze und zutreffende Beschreibungen. Für den Westerwald ist im Jahr 1800 der Ringelstock erstmals bezeugt. Karl Christian Ludwig Schmidt[1] beschreibt ihn als  ein Stab, den der Küh-oder Ochsenhirte bey dem Viehe gebraucht. Er ist krumm gebogen und mit eisernen Ringen versehen, um durch dieses Klirren das Vieh in Respekt zu setzen. Bei Joseph Kehrein[2] finden wir 1891 ganz in Anlehnung an Schmidt: Ringelstock, Ringelstecken, ein mit auf und ab beweglichen und darum klirrenden eisernen Ringen versehener Stock der Kuh- und Ochsenhirten, der krumm gebogen, oft auch eine Gabel ist. Josef Müller[3] nennt das Gerät Ringelklüppel, keulenartiger Stock mit Gabelung, deren drei Eisenringe sich bewegen und aneinander schlagen, von den Viehhirten im offenen Felde bei der Viehhut zum Verscheuchen des Viehs benutzt; er wird auch nach dem Vieh, das auf fremdes Gebiet übergetreten ist, geworfen. Ein eindrucksvolles Bildzeugnis ist dem Marburger Professor Ferdinand Justi zu verdanken[4]. Sein 1881 gefertigtes Aquarell zeigt den Kuhhirten Johann Georg Pfeifer II aus Wommelshausen im Osten des geografischen Westerwaldes, jenseits der Dill in der Nähe von Biedenkopf. Er hat das altertümliche Gerät mit der rechten Hand, die vom blauen Leinenkittel verdeckt ist, am oberen Ende gefasst; doch sind die wichtigen Teile gut zu erkennen. Man kann das Hirtengerät mit Luise Berthold[5] so darstellen: Ringelstecken= keulenförmiger Ast, an dem ein dünnes Nebenästchen belassen wurde, das ihm, nachdem es mit Eisenringen besteckt worden, mit dem freien Ende angebunden wurde. Mit diesem Ringelstecken holten rasselnd und werfend die Kuhhirten beim Treiben ihre Herde zusammen.

Hirte aus Wommelshausen mit Ringelstock

Crecelius[6] listet 1899 kurz auf: Ringelstecken, Hirtenstecken mit angehängten rasselnden eisernen Ringen. In seinen Erinnerungen aus der Jugendzeit widmet Daniel Weber[7], der als Lehrer einige Jahre in Bretthausen, zwischen der Fuchskaute und dem Salzburger Kopf gelegen, tätig war, den „Herden und Hirten“ ein Kapitel: Morgens in aller Frühe blies der Ochsenhirte seine kleine Herde zusammen. Sein Blasinstrument war ein großes Ochsenhorn, dem man nur mühsam einen Ton entlocken konnte. [...] Das Instrument, mit dem er den harten Ochsenschädeln Gehorsam und ein bisschen Vernunft beibringen wollte, war der Ringelstecken. Es war dies ein leichter, etwa meterlanger, oben gekrümmter Eichenstock, an welchem drei bis vier Eisenringe locker befestigt waren, dass sie bei einigem Schütteln gewaltig klirrten. Dies Klirren bezwang in den meisten Fällen die harten Schädel, nur in seltenen Fällen wurde er auch im Ernst zu Wurf und Schlag angewandt.

Ringelstock aus Wommelshausen

Friedrich Hottenroth[8] schildert 1905 versteckt im Nassauischen Trachtenbuch:  Viehzucht und Hausierhandel waren früher Hauptbeschäftigungen des Westerwälders, fast in jedem Haus waren zwei zum Hirtendienst nötige Stücke zu finden, eine aus rauer Kirschbaumrinde gewickelte Schalmei und ein Ringelstecken, ein mit auf-  und abbeweglichen eisernen Ringen versehener Stock, welcher krumm gebogen oder auch gabelförmig war und dazu diente, das Vieh mit seinem Geklirr im Zaume zu halten. Jetzt ist nur noch der Gemeindehirt im Besitz von Horn und Ringelstecken. 1918 noch taucht in der Erzählung „Der lange Nix“[9] ein Ringelstecken dreimal auf: Da saß der alte, lange Nix auf einer alten Baumwurzel. Den breiten Hirtengut hatte er abgenommen. Neben ihm lag der Ringelstecke [...]. Hätte er anstatt des Ringelstecken eine Flöte in der Faust gehabt, man hätte ihn für einen ,Pan’  halten können [...]. Er hatte nur die Zeichen seiner Würde, Stab und Ringelstecken, daheim abgelegt.

Der bekannte Volkskundler Karl Löber[10] vermerkt 1965 für das Dillgebiet: Der Ringelstecken, ein Hartholz mit rasselnden Eisenringen zum Erschrecken der abseits weidenden Tiere und die ,Ringgeißel’, mit der man so laut knallen konnte, waren schon 1914 weithin verschwunden. Rudolf Meier[11] wusste 1953 wohl noch vom Erzählen aus Oberdreisbach zu überliefern: Dem Ochsenhirten musste von den Ochsenbesitzern der Hütejunge beigegeben werden. Gehütet wurde außer mit Hilfe eines Hundes hauptsächlich mit dem sogenannten Ringelstock. Dieser Ringelstock war ein gebogener und zusammengebundener Ginsterstock, in dessen Rundung drei bis 4 eiserne Ringe hingen. Mit diesem Instrument, das einerseits als Krachschläger diente, wurde andererseits nach ungehorsamen Tieren geworfen und es ist vorgekommen, daß unter den Hirten solche Meister des Ringelstocks waren, die einen Ochsen so gut in die Milzkaute zu treffen verstanden, daß er zusammenbrach. Nach Hinrich Siuts[12] 1982 gab es die in anderen Räumen bekannten Ringstöcke anscheinend in Westfalen nicht. Hans-Dirk Joosten und Paul Jung zitieren 1995: daß in Littfeld wie auch im sich südlich an das Siegerland anschließenden nassauischen Raum ein ,unten krückstockartig umgebogener Stock mit durchgezogenen, klirrenden Eisenringen’ vorkam. ,Er dient vor allem zur Bändigung der früher mit der Herde gehenden Ochsen und Stiere und wird nach seinem Aussehen als ,Ringelstock’ bezeichnet. Sie erwähnen weiter eine Ansichtvon Schäfer: einen Ringelstecken und eine Schalmei hat man im Siegerland niemals gekannt.

Drei Gewährsleuten war dieses Hirtengerät 1980 noch bekannt. Erich Haas aus Breitscheid-Rabenscheid schenkte einen 50 cm langen Ringelstock aus Haselnuss mit 4 eisernen Ringen (6,5 cm und drei Stück 4,5 cm Durchmesser) dem Landschaftsmuseum Westerwald in Hachenburg. Heinz Peter aus Willingen konnte sich noch an das Aussehen des Gerätes erinnern. Nur die 1891 in Willingen im Hohen Westerwald geborene Lina Menk, geb. Fries, wusste aus eigenem Erleben zu berichten: Dä Kujhhirde hat merschdens nach en Jong bei sich, dä em beim Hööre holf. Wönn dot Vejh ausenanner gelaafe wuar – die Waa wuar jo fröjer net igezäunt – da wurf  dä mer’ rem Rengelstegge no dänn Rönner, en rasch kuum die Heerd werrer zesoume.

Die Beschreibungen der Ringelstecken stimmen bis auf geringfügige Unterschiede überein. Die Anzahl der Belege lässt für den Westerwald den Schluss zu, dass das behandelte Gerät früher recht verbreitet war. In einem Beitrag über Hessische Ringelstecken weißt Alfred Höck[13] 1966 auf das Vorkommen wohl im ganzen mittleren Bereich Hessens hin. Allerdings konnte nirgends mehr ein Exemplar festgestellt werden, auch nicht in den Museen. Besonders im Hohen Westerwald hatte die Rindviehhaltung in den vergangenen 500 Jahren große Bedeutung. Früher wurden die Kuhherden auf die Gemeinschaftsweide (Allmende) getrieben. Sie wurde von der Großviehherde einer Gemeinde allein oder auch von den Herden mehrerer Gemeinden im Koppelhutverband gemeinsam beweidet. Langsam zunehmend setzte sich seit der Mitte des 18. Jahrhunderts die Stallfütterung durch. Das starke Anwachsen der Bevölkerung hatte eine Ausdehnung des Ackerbaus zur Folge. Größere Anbauflächen wurden erforderlich. Durch die Auflösung der uralten Weidegemeinschaften kam es zum Rückgang der Westerwälder Rindviehzucht im 19. Jahrhundert. 

 

Ringelstock aus Breitscheid-Rabenscheid

Fotos: Karl Kessler

Veränderungen der Weideverhältnisse haben dem alten Ringelstecken ein Ende bereitet.

Aufbewahrt hat man das früher in vielen Dörfern gebrauchte Gerät nicht. 

Eine Wiederverwendung war nicht gegeben; der Materialwert wurde wohl meist als zu gering erachtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging mit der Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe auch die Viehhaltung immer mehr zurück. Damit wurden auch die Kuhhirten in steigendem Maße entbehrlich. Die Huteweiden waren in relativ kurzer Zeit überflüssig geworden. Sie wurden zu Sozialbracheflächen und Wiesen, wurden aufgeforstet oder in Ortsnähe als Gewerbegebiete zur Ansiedlung von Industrie- und Lagerhallen ausgewiesen.[14] Ausgenommen war die Nutzung als eingezäunte Koppelweide für die wenigen verbliebenen Landwirte. Nach Auskunft des Deutschen Hirtenmuseums im fränkischen Hersbruck vom 26. April 2005 werden dort Ringelstecken aus verschiedenen europäischen Ländern aufbewahrt, jedoch ist kein Gerät aus dem Westerwald dabei. So verfügt das Landschaftsmuseum Westerwald mit dem Ringelstecken von Breitscheid-Rabenscheid über ein volkskundlich wertvolles und einmaliges Exponat.


Quellen:

[1] Schmidt, Karl Christian Ludwig:   

    Westerwäldisches Idiotikon. Hadamar und

    Herborn 1800

[2]   Kehrein, Joseph: Volkssprache und Wörterbuch

     von Nassau. Bonn 1891

[3]   Müller, Josef : Rheinisches Wörterbuch.

     Bonn/Berlin 1928 - 1971

[4]   Höck, Alfred: Hessische Ringelstecken.

     Bemerkungen zu einem alten Hirtengerät. In,

     Hessische Blätter für Volkskunde. Band 57.

     Gießen 1966

[5]    Berthold, Luise: Hessen-Nassauisches

     Volkswörterbuch. II. Band ,L-R. Marburg 1943

[6]    Crecelius, Wilhelm: Oberhessisches                    

      Wörterbuch. 2. 1899

[7]    Weber, Daniel: Erinnerungen aus der 

     Jugendzeit. 1840-1915

[8]    Hottenroth, Friedrich: Die nassauischen

     Volkstrachten. Wiesbaden 1905

[9]    Westerwälder Schauinsland. Nr. 7, 10 u. 11.

     1918

[10]  Löber, Karl: Beharrung und Bewegung im

     Volksleben des Dillkreises. Marburg 1965

[11]  Meier, Rudolf: Oberdreisbach. In, Unser

     Daadener Land. Daaden 1953

[12]   Siuts, Hinrich: Bäuerliche und handwerkliche

     Arbeitsgeräte in Westfalen. Münster 1982

    [13]  Höck, Alfred: Hessische Ringelstecken.      

    Bemerkungen zu einem alten Hirtengerät. In,         

     Hessische Blätter für Volkskunde. Band 57.   

 Gießen 1966

[14]  Häbel, Hans-Joachim: Die Kulturlandschaft auf

     der Basalthochfläche des Westerwaldes vom 16. 

     bis 19. Jahrhundert. Wiesbaden 1980    

 

                                                                29.04.2005

Gesellschaft für Heimatkunde im Westerwald - Verein
letzte Bearbeitung: 27.11.11