Westerwälder Urgeschichte muss korrigiert werden!
Denn die „Neandertaler“ von Steeden waren Höhlenbären
In der Veröffentlichung „Die Vorgeschichte Hessens“, Stuttgart 1990, werden neben Tierknochen 3 Schädelfragmente des Neandertalers als die bisher einzigen mittelpaläolithischen Menschenreste aus Hessen beschrieben. 

Sie wurden einem Zeitraum zwischen 75 000 und 60 000 Jahren zugeordnet. Selbst im „Führer zur hessischen Vor- und Frühgeschichte 2“, Stuttgart 1994, fanden die Neandertaler-Schädelfragmente noch Erwähnung. Diese Erkenntnis beruht auf einem wissenschaftlichen Bericht des Anthropologen Rainer Knußmann „Die mittelpaläolithischen menschlichen Knochenfragmente von der Wildscheuer bei Steeden (Oberlahnkreis)“ in den Nassauischen Annalen, Band 78. Bei zwei Schädelfossilien hält er es für wahrscheinlich, dass sie Vertretern der Neandertalergruppe (im weitesten Sinn) zuzuordnen sind. Beim dritten und einem vierten Fragment schließt er nach dem Befund eine Zugehörigkeit zum Neandertaler nicht aus. Bis zum Jahr 2000 haben die in der ehemaligen Lahntalhöhle „Wildscheuer“ gefundenen Menschenreste einen festen Platz in der „Familie“ der Neandertaler eingenommen. Zahlreiche Publikationen berichten davon. 1999 haben die Wissenschaftler Elaine Turner, Martin Street, Winfried Henke und Thomas Therberger eine Neubewertung der Schädelreste vorgenommen. Ihre Untersuchungen zeigen eine „völlige Übereinstimmung“ der beiden Neandertaler-Schädelfragmente mit dem Material eines Höhlenbären (Ursus spelaeus) der belgischen Grotte Scladina. „Es besteht damit kein Zweifel an dem Nicht-Hominiden-Status der Knochenreste; der Wildscheurer-Neandertaler ist aus dem Stammbaum der Hominiden zu streichen.“

Wildscheuerhöhle bei Steeden an der Lahn ,Foto aus: Führer zur hessischen Vor- und Frühgeschichte 2, Wiesbaden 1994); Oben: Schädel eines Höhlenbären im Fränkische Schweiz-Museum in Tüchersfeld (Foto Kessler)
Knochenreste von Höhlenbären sind keine Seltenheit in den Höhlen der eiszeitlichen Dauerfrostzone, so wurden auch Schädel und zahlreiche Knochen in den Karsthöhlen bei Breitscheid-Erdbach und eine Unterkieferhälfte eines starken Höhlenbären in einer Höhle am Fuße des Wildweiberhäuschens bei Langenaubach entdeckt. Es handelt sich dabei fast immer um die Reste von Tieren, die während des Winterschlafs in den Höhlen den Tod fanden.

Die Schädelfunde von Lippe im Grenzgebiet von Hohem Westerwald und Freiem Grund
In seinem populärwissenschaftlichen Werk „Deutschland in der Urzeit“, München 1986, berichtet Ernst Probst von einem Schädel ohne Unterkiefer (Homo sapiens sapiens), der in Lippe im Siegerland (Nordrhein-Westfalen) freigelegt wurde. Die Fundstelle ist mit großer Wahrscheinlichkeit im Bereich der Bon’schen Quarzit-Mahlwerke zu suchen, die sich teils auf rheinland-pfälzischen und teils auf nordrhein-westfälischem Gebiet befanden. Das geologische Alter des Schädels von 17 000 Jahren wurde von dem Frankfurter Paläoanthropologen Prof. Rainer Protsch von Zieten sicher vor 1986 ermittelt. Gespräche mit Protsch von Zieten und Mitteilungen seines Mitarbeiters Stefan Flohr M. A. (Johann
Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, Institut für Anthropologie und Humangenetik), brachten weitere Hinweise. Aus einer umfangreichen und fast vergessenen Sammlung, die vor wenigen Monaten aus Leipzig an das Frankfurter Institut gelangte, stammen die Calvaria einer älteren Frau, eine Schädelcalotte einer ebenfalls älteren Frau sowie ein Unterkieferfragment einer weiteren Frau. Sie waren in Holzkistchen aufbewahrt. Zwei dieser Kistchen sind mit „Lippe“ beschriftet. Ob es sich bei dem abgebildeten, um den damals datierten handelt ist nicht klar. Zumindest ist er mit „Lippe“ beschriftet. Die Untersuchungen hierzu sind noch nicht abgeschlossen. 

 Ein Schädel mit der Beschriftung „Lippe“ (Foto: Uni Frankfurt a. M., Institut für Anthropologie 
und Humangenetik)

Chirurgie schon in der Altsteinzeit

Einer der Schädel, der ebenfalls mit „Lippe“ beschriftet ist, zeigt eine verheilte Trepanationswunde an der Hinterseite. Sollte es sich dabei um einen weiteren zeitgleichen Schädel aus dem Fundkomplex Lippe handeln, so wäre dies die älteste bekannte überlebte Trepanation. In der wissenschaftlichen Literatur waren bislang Schädelöffnungen erst seit 10 000 Jahren bekannt. Es waren in der Frühzeit Eingriffe mit relativ einfachen Steinwerkzeugen. Mit spitzen Steinen wurde in Schabetechnik das Gehirn an einer, manchmal auch weiteren Stellen freigelegt. Anlass dürften Verletzungen am Schädel gewesen sein. Auch kultische Überlegungen könnten dabei eine Rolle gespielt haben, wie das „Entweichen böser Geister“ oder Schmerzzustände im Kopf. Bei Ensisheim im Elsaß wurde das Skelett eines vor 7 000 Jahren beerdigten Mannes mit zwei Trepanationswunden gefunden, davon war eine ebenfalls vollständig geheilt. Die Bezeichnung Trepanation kommt von dem „Trepan“, einem Hohlbohrer, der zum Öffnen der Schädeldecke verwendet wurde. Unter einer Trepanation versteht man geplante Eingriffe am Schädel. Kurt W. Alt, derzeit an der Uni Mainz, und Kollegen von der Uni Tübingen, betrachten diesen Fund als den frühesten unmissverständlichen Beweis einer Trepanation. Erst eine Pfeilspitze und Schläge einer Queraxt setzten dem Leben des Mannes am Beginn der Jungsteinzeit ein Ende. 

Die ältesten „Westerwälder“ 
Bevor die Neandertaler von der Wildscheuer bei Steeden ins Spiel kamen, galten zwei Skelettfunde von Oberkassel im Siebengebirge als die frühesten Menschen im geographischen Westerwald, der Landschaft zwischen Sieg, Lahn und Rhein. Beide gehören zum Cromagnon-Typus aus der Zeit um 13 000 v. Chr. Nachdem nun die Neandertaler aus dem Lahntal sich als Höhlenbären erwiesen haben, sind die Schädelfunde von Lippe auf der Westerwaldhöhe an deren Stelle gerückt, da sie noch 4 000 Jahre älter als die Oberkasseler sind, die im Rheinischen Landesmuseum in Bonn gezeigt werden.
Wenn die wissenschaftliche Bearbeitung der Lippe-Schädel abgeschlossen ist, könnte über einen weiteren Verbleib im Landschaftsmuseum Westerwald oder in der neu eingerichteten Archäologischen Abteilung des Landesmuseums Koblenz nachgedacht werden.
Für fachmännische Beratung und Übermittlung des Fotos eines Lippe-Schädels sei Herrn Stefan Flohr M. A. herzlich gedankt.

Karl Kessler 21. August 2003


    
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letzte Bearbeitung: 27.11.11