Vortrag von Karl Kessler anlässlich der Marienstatter Zukunftsgespräche, 
Regionaltagung zur nachhaltigen Entwicklung „DACHMARKE WESTERWALD die Heimat entdecken und vermitteln“.

Der Beitrag der Museen für die Vermittlung von Heimatbewusstsein

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
"Heimatsinn und Weltoffenheit gipfeln im Wunsch des Menschen, sich selbst Vergangenheit zu geben, um Gegenwart erträglich zu machen. 
Ich warne ganz eindringlich davor, gesammelte und behütete Befunde ohne geschichtlichen Hintergrund und ohne Informationen zerfallen zu lassen, zur Dekoration verkommen zu lassen und damit die Spuren zu löschen. Sonst bekommt die Vergangenheit zurück, was ihr gehört und was sie uns nur vorübergehend lieh. Doch auch dann regt sich das Gedächtnis und sucht und sammelt in den Resten Erinnerungen der eigenen Geschichte und Identität",
  schreibt Siegfried Lenz in seinem Roman „Heimatmuseum“. 
Also, ohne Wurzeln keine Identität ! 


"Wer immer nur von einer anderen Welt träumt, ist in seiner eigenen nicht mehr zu Hause und Wer seine Wurzeln verleugnet, verliert seine Identität und fühlt sich nirgends mehr zu Hause. Irrt ziellos zwischen den Welten."
Diese unumstößliche Feststellung habe ich in der Erzählung „Der Eisenring“ meines Nachredners Vinzenz Baldus gefunden. Willi H. Grüns „Aschenbraten“ und „Mit nix an den Füß...“ rufen erfrischend Wäller Erinnerungen wach.

Sich immer wieder neu mit seiner Geschichte beschäftigen, um daraus zu lernen, da haben die Museen eine große und dankbare Aufgabe. Sie sind ein Ort der Vermittlung und Nahtstelle zwischen den Menschen und ihrem Lebensraum. Sie fördern das Geschichtsbewusstsein und helfen den Besuchern bei der Identitätsfindung.

Nach den ICOM ( International Council of Museums)- Ethische Richtlinien für Museen ist ein Museum eine gemeinnützige, ständige, der Öffentlichkeit zugängliche Einrichtung im Dienste der Gesellschaft und ihrer Entwicklung, die zu Studien-, Bildungs- und Unterhaltungszwecken materielle Zeugnisse von Menschen und ihrer Umwelt beschafft, bewahrt, erforscht, bekannt macht und ausstellt. 
Es ist allerdings kritisch zu hinterfragen, wie viele der in den letzten 30 Jahren auch im Westerwald wie Pilze aus dem Boden geschossenen sogenannten Heimatmuseen diese Auflagen erfüllen. Nur selten kann der Träger einen voll ausgebildeten Volkskundler, Geographen oder Historiker beschäftigen. Doch nach der Eröffnung bleibt ein solches Museum tot, wenn nicht ein kenntnisreicher Betreuer gefunden wird. Oft drückt man einem kommunalen Bediensteten den Schlüssel in die Hand und erklärt ihn zum Museumsmacher. Bevorzugte Opfer sind dann Bücherei- oder Volkhochschulleiter, deren Einsatz für die meist ungewohnte Aufgabe gewiss nicht gering eingeschätzt werden soll, denen aber dann Erfahrungen und Vorbildungen auf diesem Gebiet fehlen. Museen, die nur zweimal im Monat für wenige Stunden geöffnet sind, wären besser nicht eröffnet worden; sie können ihren Zweck nicht erfüllen. 

Gut geführte Orts- und Regionalmuseen, ebenso wie die Spezialmuseen, das Kreismuseum Neuwied mit seiner weit bekannten Möbelsammlung der Kunstschreiner Abraham und David Roentgen und den Kostbarkeiten der berühmten Uhrmacherfamilie Kinzing, das längst weltbekannte Keramikmuseum Westerwald in Höhr-Grenzhausen, die Bergbaumuseen in Siershahn, Herdorf und verschiedene Besucherbergwerke werden deswegen gerne aufgesucht, weil man sich dort über die örtliche, regionale Geschichte, die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, das Handwerk, Brauchtum und Kultur informieren kann. Landschaftliche, kultur- und wirtschaftshistorische Eigenheiten finden in den Museen ihren Niederschlag. Ebenso groß ist die Typenvielfalt der musealen Einrichtungen. 
Uneingeschränkt tragen alle Museen, die sich von den Sammlungen her mit dem Westerwald beschäftigen zum Heimatbewusstsein bei. 
Um die eigentliche Aufgabe eines Museums zu erfüllen, reicht allerdings ein ständig sich wiederholendes Sammelsurium von Pflügen, Karren, Spinnrädern, garniert mit zahlreichen Steinzeugtöpfen aus dem Kannenbäckerland, nicht aus. 

Eine Hauptaufgabe eines Museums besteht darin, Objekte zu erwerben, zu sammeln und für die Nachwelt zu erhalten. Nicht weniger wichtig ist das Katalogisieren, das Inventarisieren, das Konservieren, das Dokumentieren und Präsentieren der Exponate. Ein Museum hat eine bildungspolitische und gesellschaftliche Funktion, die es weiter zu entwickeln gilt. So sollte auch das Publikum aus allen Bereichen angezogen und Möglichkeiten angeboten werden, sich im Museum zu engagieren, ganz einfach selbst aktiv zu werden. Klar ist aber auch: Museen sind keine Vergnügungsparks, keine Orte billiger Eventkultur – sie bilden feine Erlebnisinseln.

Wenn die Romantik unser Empfinden für die Natur weckt und Heimat entdeckt, dann hat das seinen Grund und ist folgerichtig. Schon das Sammeln von Volksliedern durch Achim von Arnim und Clemens Brentano und das Aufzeichnen von Märchen durch die Gebrüder Grimm - sie alle wussten, was sie taten und erkannten, dass es an der Zeit war, dies alles festzuhalten. "Da diejenigen, die sie bewahren sollen, immer seltener werden", heißt es in der Vorrede zu den „Kinder- und Hausmärchen“. 
Schließlich und nicht zuletzt ist es kein Zufall, dass mit dem 19. Jahrhundert die Stunde der historischen Wissenschaften schlägt und dass ein nie zuvor gekannter Eifer der Museumsgründungen einsetzt; genau in dem Maße, in dem Traditionen nicht mehr „natürlich“ sind, in dem sie abreißen oder – zumindest – ins Unverbindliche schwinden.

Bei uns gingen die Museumsgründungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus von der Sammlung nassauischer Altertümer in Wiesbaden und dem Landesmuseum Bonn mit Sammlungen aus dem Rheinland. Diese Museen gaben zusammen mit ihren Trägern, den Altertums- und Geschichtsvereinen, den Anstoß zu weiteren überwiegend lokal geprägten Museumsgründungen in den Städten an Lahn, Dill, Sieg und Rhein, am Fuße des Westerwaldes, so z.B. in Lahnstein, Bad Ems, Diez, Weilburg, Herborn, Dillenburg, Siegen, Siegburg, Neuwied und Koblenz. 

Um 1850, nachdem der Begründer der Deutschen Volkskunde, Wilhelm Heinrich Riehl den Hohen Westerwald zwischen Herborn und Marienberg kennen gelernt hatte, schrieb er in „Land und Leute“: "Der Westerwald ist eine kahle, arme, fast nur mit dem grünen Samt der Heidevegetation geschmückte Hochfläche, auf welcher zahllose Basaltblöcke zerstreut liegen, als habe der Himmel im Zorn Felsen gehagelt." Er stellt aber auch dem Westerwald in Aussicht, dereinst das Land der armen Leute gewesen zu sein, wenn erst die Schätze, die noch in der Erde schlummern, ans Licht gezogen und von den Westerwäldern selbst verarbeitet würden. 
Als ob er es geahnt hätte, nach den langen Jahren der Armut bedingt durch Realerbteilung, Bevölkerungsexplosion, Koalitionskriege, Missernten, Hungersnöte und großen Auswanderungswellen, kam es ab 1866 zur Verkehrserschließung durch die Eisenbahn. 
Der Anschluss an die weite Welt war gekommen, die Bodenschätze Eisenerz, Braunkohle, Ton und Basalt konnten genutzt werden. Die Bewohner fanden zunehmend Arbeit vor Ort. Der Tourismus - den hässlichen Begriff „Fremdenverkehr“ kannte man nicht, ich möchte auch nicht als Fremder begrüßt werden - nahm ab 1888 seinen Anfang. Der Westerwald-Verein wurde gegründet und bemühte sich fortan mit großem Erfolg um die touristische Erschließung des Landes zwischen Sieg, Lahn, Dill und Rhein.

Die führenden Köpfe in jener Zeit waren Leute mit Charisma, die begeistern konnten: An der Spitze Landrat Robert Büchting und Pfarrer Eugen Heyn. Sie erkannten bald, dass man die Infrastruktur einer Region allein mit Hotel- und Gastronomieangeboten nicht voranbringen kann. Kultur mit der Wiederbelebung der Wäller Trachten, der Besinnung auf altes Liedgut und Brauchtum, Pflege des Landschaftscharakters, Denkmalpflege- und -schutz, Aufarbeitung der Geschichte und die Herausgabe von Heimatschrifttum ergänzten bald die anfänglichen Bemühungen, Erholungssuchende aus den Städten an Rhein und Main in den Westerwald zu holen. 
Das führte schon um 1905 zu bescheidenem Wohlstand und die Bewohner bekannten sich zunehmend zur Westerwaldheimat, die 50 Jahre vorher noch als nassauisches Sibirien bezeichnet worden war. Besonders Eugen Heyn war es, der sich nimmermüde bemühte, den Westerwäldern ihre Geschichte und Kultur nahe zu bringen, um so ein besseres Verstehen dieser Landschaft zu vermitteln. 

Im Jahr 1907 wurde vom Westerwald-Verein die Errichtung eines Westerwald-Museums in einem geeigneten Marienberger Bauernhaus angeregt und vom Kreistag des Oberwesterwaldkreises beschlossen. Beim Regierungsbezirk in Wiesbaden beantragte Mittel dazu wurden abschlägig beschieden. 
War es 1888 das Museum Alexandrinum des Grafen Alexander von Hachenburg in Hachenburg und später in Friedewald, so wurden während der 1930er Jahre wiederum stark auf einen engeren Raum bezogene Heimat- und Stadtmuseen in Altenkirchen, Montabaur, Hachenburg (erneut durch den Grafen Alexander) und Daaden ins Leben gerufen. Die beiden Weltkriege ließen es nicht zu, ein Regionalmuseum für den ganzen Westerwald zu schaffen. 
Die „geschichtslose“ Zeit von 1945 bis noch nach 1960 führte durch mangelndes Wertgefühl und fehlendes Verständnis zum spürbaren Ausverkauf häuslichen Inventars, von Handwerksgeräten und überhaupt alten Kulturgutes. So fand gar eines der nur noch wenigen stattlichen Westerwaldhäuser, das Haus aus Bilkheim, als „Notlösung“ den Weg nach Kommern ins Rheinische Freilichtmuseum, weil es im Westerwald keine Bleibe finden konnte und wir noch keinen Sinn dafür hatten. 
Ein Wohn-Backhaus mit mächtigem Eichenfachwerk und Inschriften aus Herschbach bei Wallmerod wurde abgerissen und, wie wir heute sagen, entsorgt. Ein Amtshaus in Frickhofen aus dem 18. Jahrhundert kam in den Hessenpark und wurde dort hervorragend eingegliedert und genutzt. Prof. Dr. Eugen Ernst, der langjährige Leiter und Geschäftsführer des Hessenparks, hat es gerettet. Damals war das Gebäude in Frickhofens Ortsmitte dem Verfall preisgegeben. Heute würde man es gerne wieder zurückholen. Es hat im Ortsbild eine Lücke hinterlassen, die nicht mehr gut zu machen ist. 

Einige Mitglieder des Westerwald-Vereins und des Hachenburger Kreises zur Förderung des kulturellen Lebens im Westerwald erkannten nun ihre heimatpflegerischen Aufgaben und nahmen sie ernst. 
Das Verdienst, die Einrichtung eines zentralen Museums für den Westerwald wieder ins Gespräch gebracht zu haben, kommt dem Westerwald-Verein mit Pater Hermann Josef Roth zu. Er hatte 1972 unmissverständlich und unüberhörbar auf den „kulturellen Notstand“ hingewiesen. 
Das brachte endlich den Stein ins Rollen. Landrat und Hauptvorsitzender des Westerwald-Vereins e.V. war zu dieser Zeit Dr. Norbert Heinen Vereins e.V. Er stand dem Plan der Einrichtung des Museums in Hachenburg von Anfang an aufgeschlossen gegenüber. 
Mit großem Engagement unterstützt wurde er von seinem Kulturreferenten Karl-Rudolf Henkes. 1976 konnten das Keramikmuseum in Höhr-Grenzhausen und das Landschaftsmuseum Westerwald im barocken Jagdzeughaus, dem heutigen Hofgartenhaus, in Hachenburgs Burggarten eröffnet werden. Der anspruchsvolle Name Landschaftsmuseum Westerwald war der Zielsetzung des Museums entsprechend gewählt worden.
Das Arbeitsgebiet war in Übereinstimmung mit dem seines Initiators und Trägers, des Westerwald-Vereins, auf den geographischen Westerwald festgeschrieben worden.

Natürlich, meine sehr geehrten Damen und Herren, fällt es mir nicht schwer, den „Beitrag der Museen für die Vermittlung des Heimatbewusstseins“ am Beispiel des Landschaftsmuseums Westerwald deutlich zu machen und ihnen darzulegen. Allerdings mit einer Einschränkung: ich kann das nur für mein Vierteljahrhundert als Museumsmann von 1976 bis 2001 tun. 
Was in diesen 25 Jahren aufgebaut werden konnte, wurde nur durch gute Teamarbeit ermöglicht. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zogen an einem Strick! Die Zeit danach mögen andere beschreiben. 

Es war eine geschickte und in erster Linie von Landrat Dr. Heinen wohl durchdachte Symbiose, den Hauptkulturwart des Westerwald-Vereins mit dem Aufbau und der Leitung des neuen Museums zu betrauen. So konnten die Ziele des zentralen Museums als Bildungs- und Begegnungsstätte mit den Aufgaben des Westerwald-Vereins, der Heimatpflege, des Natur- und Umweltschutzes, der Tourismusförderung sowie dem Wandern als Kultur- und Naturerlebnis erfolgreich miteinander verbunden werden. Bis 1988 waren für mich die Jahre seit 1976 in enger Zusammenarbeit mit den engagierten Hauptvorstandsmitgliedern Dr. Norbert Heinen, Hermann-Josef Hucke, Friedel Schweitzer, Hermann-Josef Roth, Alois Noll und Willy Mehr die schönsten und erfolgreichsten in Sachen Kulturarbeit. 
Aufgabe des Museums war und ist bis heute, alle wesentlichen und für den Westerwald typischen Dokumente historischer, kunstgeschichtlicher, volkskundlicher, technischer und naturkundlicher Art zu sammeln und zu erhalten. Schulbegleitende und -ergänzende Sammlungen und eine Dokumentationsstelle für Bild- und Tonaufnahmen, Seminar- und Vortragsreihen im Rahmen der Erwachsenenbildung und museumseigene Veröffentlichungen wurden umgesetzt. Das Museum wurde zur Anlaufstelle von wissenschaftlichen Vereinen und Arbeitsgemeinschaften, Heimatforschern, Studenten und Doktoranden. So war die häufig genutzte Möglichkeit gegeben, an Unterlagen zu lohnenden Themen aus dem Westerwald zu gelangen. Eine mehr als 7000 Exemplare zählende Westerwald-Bibliothek mit Buchbeständen der ehemaligen Nassauischen Kulturstiftung können genutzt werden. Auskünfte für Kulturwanderungen und zur Mundartdokumentation wurden gerne erteilt. 

Die Ausstrahlung und Bedeutung des Museums nahm seit der Eröffnung schnell zu. Die Öffentlichkeit brachte ihm großes Interesse entgegen. Die Besucherzahlen stiegen ständig. 1983 wurde die Erweiterung mit 4 Fachwerkhäusern aus dem 17. bis 19. Jahrhundert, einem Westerwälder Gehöft, fertiggestellt. 1984 wurde der Basaltpark in Bad Marienberg als Dokumentationsstätte und Außenstelle des Landschaftsmuseums eröffnet. 
1989 fand ein 5000 Jahre altes Steinkistengrab in Museumsnähe einen neuen Standort. Ob sich dort außerhalb des historischen Burggartens nicht noch drei vorgeschichtliche Pfostenhäuser aufbauen lassen, ohne das Bäume gefällt werden müssten, wird die Zeit zeigen. Vor einigen Jahren hat die Stadt Hachenburg sich noch zurückhaltend geäußert.
1991 und 1993 kamen noch ein Westerwälder Einfirsthaus und die kleine Dorfschule aus der Kroppacher Schweiz dazu. Das 1998 angeregte „Armeleute-Haus“ ist im Rohbau und wird ab 2004 das mit 8 Häusern überschaubar gebliebene Museumsdorf abrunden. 
Im Wegweiser der mittelrheinischen Museumslandschaft schreibt Dr. Reinhard Lahr: "Einige Sammlungen sind in vorbildlich restaurierten Gebäuden oder Gebäudegruppen, meist ehemalige landwirtschaftliche Anwesen, untergebracht. Das bedeutendste und größte dieser Art ist das Landschaftsmuseum Westerwald in Hachenburg. "

Seit seines Bestehens ist das Landschaftsmuseum weit über die Region hinweg, der es seinen Namen verdankt, bekannt geworden. Dazu trugen nicht zuletzt jährlich sorgfältig aufgearbeitete Sonderausstellungen bei, die auf den Westerwald bezogen waren, wie z.B. „Fossilien des Westerwaldes“, „Westerwälder Bibeln – Herborner Drucke“, „Geld im Westerwald“, „Fachwerk im Westerwald“, „Im Westerwald vor hundert Jahren“ und „Vom Westerwald nach Amerika“. Dabei blieb der größte Teil der Arbeit hinter den Kulissen verborgen. Für die Zukunft wären wieder gut recherchierte Ausstellungen wünschenswert. 
Das Motto muss lauten: „Weniger ist mehr!“. 


Als außerschulischer Lernort war das Museum sehr erfolgreich, das in der Zeit von 1995 bis 2000 von jährlich durchschnittlich 170 Schulklassen besucht wurde. 
Ich zitiere wieder aus dem „Eisenring“ von Herrn Baldus: "In der Kindheit also und nirgendwo sonst ist das angelegt, was wir Heimat nennen. Sie ist konkret und ganz und gar persönlich, und sogar wenn sie verloren ging, bleibt sie eine Schatzkammer des Erinnerns bis ins Alter." Eltern, Schule und gute Museen können viel dazu beitragen, dass die Heimat zu einem Erfahrungsraum der Vertrautheit wird, der in der Kindheit entsteht. 

Überaus positiv hat sich im Landschaftsmuseum der Besuch von Lehrerkollegien ausgewirkt, denen bei dieser Gelegenheit das museumspädagogische Programm vorgestellt werden konnte. Hilfreich waren dabei ca. 50 Informationsblätter für alle Bereiche des Museums und ein 150seitiger Museumsführer als Handreichung für die Lehrkräfte ebenso wie für die Besucherorientierung. 
An den alljährlichen Museumstagen wurde altes Handwerk vorgeführt, Trachtengruppen – etwa 2500 Wäller haben wieder eine Tracht als Ergebnis des Miteinanders von Westerwald-Verein und Museum -, musikalische Beiträge und westerwaldtypische Aktivitäten haben erfolgreich zur Bekanntheit beigetragen. 
Alle die Trachtengruppen, Volkstänzer, Heimatsänger und fröhliche Blasmusikanten erinnern an Vergangenes und sind schließlich Mittel zum guten Zweck, Gäste herbeizulocken. 
Wenn die Leute, die früher mit weniger auskommen mussten das mögen – warum nicht? 

Eine gute Möglichkeit der Werbung ergab sich durch den Versand von Westerwaldliteratur und Wanderkarten des Westerwald-Vereins. Beiträge in periodisch erscheinenden Veröffentlichungen über die Museumsarbeit verfehlten ihre werbende Wirkung nicht. 
Der Öffentlichkeitsarbeit wurde von Anbeginn viel Aufmerksamkeit gewidmet. Da es ständig Neues im Westerwaldmuseum gab, wurden die Medien neugierig, bald konnte ein guter Kontakt zu den Printmedien und dem Fernsehen hergestellt werden. In den 25 Jahren kam es zu mehr als 50 Fernsehaufzeichnungen. Auch so hat das Landschaftsmuseum zum guten Image des Westerwaldes beigetragen, für die Region geworben und nicht unwesentlich das Identitätsbewusstsein der Bevölkerung gestärkt. Nicht zuletzt wurde durch all die Maßnahmen den Besuchern, Touristen und Einheimischen Kulturgeschichte vermittelt und letzteren identitätsstiftend die Augen für die Schönheit und Einzigartigkeit der eigenen Heimat geöffnet. 
Das Reisen in ferne Länder mag auf den ersten Augenblick auch als Entfremdung vom heimatlichen Milieu erscheinen. Doch wer in der Ferne andere Völker und Kulturen erlebt hat, wird sich dabei nicht nur des Fremden bewusst, sondern erkennt durch Unterscheiden und Vergleichen zugleich die Eigenart und Besonderheit, seiner Heimat, des Westerwaldes. Kurz, je mehr Welterfahrung, umso mehr Hochachtung vor der Heimat. Wenn im Hinblick auf ein baldiges großes vereinigtes Europa von der Bewahrung der Identität der Regionen gesprochen wird, so trifft das auch auf den Westerwald zu. Dazu leistet das Landschaftsmuseum nicht an letzter Stelle durch seinen Anspruch als Lernort einen nicht zu unterschätzenden Beitrag.

In den verflossenen 10 – 15 Jahren wurde das Kulturangebot im Westerwald in jeder Hinsicht verbessert. Man hat erkannt, dass Kultur und kulturelles Engagement in den Regionen und für die Regionen immer mehr zum Schrittmacher der Standortpolitik wird.

Was ich bis jetzt von mir gegeben habe, war kein Schönreden, es waren ungeschminkte Fakten. Sie sollten Ihnen, meine Damen und Herren, Mut machen mitzuhelfen, die nicht zu übersehenden Schwachstellen anzugehen und auszumerzen. In meiner Zeit als Museumsmann habe ich nicht allein das Museum als Aufgabe aufgefasst, sondern die große Landschaft Westerwald aus der es lebt. So macht man sich seine Gedanken um eine gesunde und andauernde Weiterentwicklung unseres Mittelgebirgsraumes; auch Sorgen spielen mit hinein. Mit dem Blick nach vorne und den Erfahrungen besonders der letzten Jahre komme ich nicht daran vorbei, auch auf eine Reihe von Defiziten hinzuweisen.

Ist der Westerwald immer noch im Dornröschenschlaf ?
Ja, der Westerwald ist eine fast erhaltene Märchenlandschaft geblieben !  Nur der Wind pfeift jetzt frisch wie im Westerwald, der „Willi Wind“.  Immer noch starrt man gebannt auf benachbarte Regionen und nimmt die eigenen Mängel fast wie ein Schicksal hin. 
Doch nun genug der Polemik. Diese wird jedoch verständlich, wenn man einmal nachliest, was Lexika und Reiseführer aus jüngerer Zeit über den Westerwald vermitteln.
Das Große Bertelsmann Lexikon 2001:
"Westerwald, deutsches Mittelgebirge, Teil des Rheinischen Schiefergebirges zwischen Sieg, Rhein und Lahn, im Norden der waldreiche basaltische Hohe Westerwald (im Fuchskauten 656 m); überwiegend Viehwirtschaft (rotbraunes Westerwälder Rind); bedeutender Basaltabbau."
Vom waldreichen Hohen Westerwald kann man absolut nicht sprechen. Dann gibt es ja auch noch das Westerwälder Kannenbäckerland und unsere Heimat ist der touristische Erholungsraum zwischen Rhein-Main und Rhein-Ruhr. Wirtschaft und Industrie und damit gute Arbeitsmöglichkeiten sind bedeutend. Die letzten Wäller Kühe wurden 1945 gesehen !
Baedecker Deutschland 2000:
Vergeblich sucht man bei den Reisezielen im Westerwald an Höhr-Grenzhausen mit seinen Keramikmuseen. Das Landschaftsmuseum Westerwald in Hachenburg existiert scheinbar nicht. Auch das Kloster Marienstatt wurde unterschlagen. Restaurants gibt es nur in Herborn.
DER GROSSE SHELL ATLAS 2004/2005:
Nur wenige Gastronomen nutzen den in hoher Auflage erscheinenden Shell Atlas für Restaurantanzeigen.

Ist es da nicht einmal an der Zeit, dass die Tourismusfachleute, die Pressereferenten der neun Westerwälder Kreisverwaltungen samt allen Kommunalpolitikern und dem Westerwald-Verein diese großen Verlage kontaktieren und mit aktuellen Informationen und kompetenten Westerwald-Führern versorgen, damit der Westerwald künftig nicht mehr weit unter Wert und antiquiert wie nach Riehlschem Klischee aus dem 19. Jahrhundert angeboten wird? Auch im Zusammenhang mit dem Tourismus muss einfach noch einmal deutlich gemacht werden, dass unser Westerwald ein Raum hoher Lebens- und Wohnqualität im Herzen Deutschlands ist. Das ist ein wertvolles Gut, ein Pfund, mit dem man wuchern kann. Den man aber nicht ausnutzen darf wie einen Konsumartikel, sondern pflegen und schützen muss. 

Man darf einfach nicht dazu schweigen, wenn gerade nach langen Geburtswehen einige Großgemeinden aus dem hessischen Westerwald sich dem Tourist-Service in Montabaur angeschlossen haben und nun berechtigte Bedenken gegen die erneute Anlage einer Windfarm auf der Westerwaldhöhe, hart an der Landesgrenze, anmelden. Man befürchtet außer der Beeinträchtigung des Landschaftsbildes durch eine Prägung mit großen Anlagen auch nachteilige Auswirkungen auf den Tourismus. Die Windkraftanlagen können originelle Autobahnbegleiter sein, auf wenigen unserer Hochplateaus oder im Wasser der Meere in großen Parks zusammenstehen; aber sie sind keine Grußbotschaften unserer sonst gastlichen Region. Es kann doch nicht angehen, wie immer noch praktiziert, dass fast jeder Ortsbürgermeister zu seinem Super-Dorfgemeinschaftshaus und dem obligatorischen oft nachgeäfften Brunnen in der Ortsmitte noch ein paar Spargelstangen in die Gemarkung bekommt.

Unzweifelhaft bleibt anzumerken, dass man auf dem Sektor Tourismus weiter gekommen ist. Nämlich zu einem Miteinander der Landkreise Altenkirchen, Neuwied, Westerwald und einigen Großgemeinden jenseits der östlichen Landesgrenze. Oder, sollte ich mich verhört haben, klemmt es da schon wieder beim Kreis Altenkirchen? Wir Westerwälder müssen endlich einmal den ererbten Flickenteppich der kleinen Territorien vom Ende des Alten Reiches 1789 überwinden. Die letztendlich auch kostensparende Zusammenarbeit der Verbandsgemeinden unter- und miteinander, der Landkreise und der drei Bundesländer Hessen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, lässt noch viele Wünsche offen. 

Eine ganze Anzahl unserer Dörfer und Städte leiden ebenso wie weite Teile der Landschaft unter einem veränderten Zeitgeist, sowie an planerischer Fantasiearmut. Statt nur einmal den Versuch zu machen, die traditionelle Westerwälder Hausbauweise aufzunehmen und weiter zu entwickeln, begegnet man häufig planerischem Stumpfsinn. Noch vor 40 Jahren herrschten die regionaltypischen Schieferdachlandschaften vor. Heute sehen manche Dörfer von der nächsten Anhöhe aus wie Distelfinken. Da müsste an den Schaltstellen der Verwaltungen stärker ordnend vorgegangen werden. Ich greife eine Aussage des Designers Friedrich Ernst von Garnier auf, der den Zeitgeist als Zeitgeisteskrankheit bezeichnet hat. 

Suchen sie einmal, meine Damen und Herren, in Koblenz, Bonn, Köln, Frankfurt oder Wiesbaden in den Buchhandlungen an Westerwaldliteratur. Sie werden kaum Glück haben. Wir schaffen es ja noch nicht, wenigstens unsere größeren Hotels und Jugendherbergen damit zu versorgen.
Beschämend war, dass in der Vergangenheit weder der Westerwaldkreis, der Westerwald-Verein noch Bankinstitute bereit waren, bescheidene Zuschüsse zum Druck von Dissertationen zur Landes-, Geschichts- und Volkskunde des Westerwaldes an junge einheimische Akademiker zu gewähren. Deren Arbeiten sind für die Regionalforschung, die Museen und überhaupt für viele Bereiche im Westerwald grundlegend. 
Durch den Einsatz der GfH, der Gesellschaft für Heimatkunde, hat nun dankenswerterweise die Kreissparkasse Westerwald mit einer ansehnlichen Spende den Druck des Seltersers Dr. Gerhard Schiller „Der Bann Maxsain im 16. Jahrhundert“ ermöglicht. Mit dem Erscheinen einer limitierten Auflage ist im Januar 2004 zu rechnen.

Schon bei meiner Verabschiedung als Museumsleiter in den "Un-Ruhestand" im Jahre 2000 habe ich sehr deutlich auf die nicht zuletzt für den Tourismus wichtige Geotopvernetzung im Westerwald hingewiesen. In öffentlichen Veranstaltungen und Pressemitteilungen wurde die typisch abwartende Haltung der Verantwortlichen im Westerwald deutlich gemacht. 
Wir blicken in die Eifel, den Spessart, den Odenwald und nach Sachsen-Anhalt und gar ins Martelltal nach Südtirol, wundern uns und staunen, was dort so alles vorangebracht wird. Prof. Dr. Helmut Fischer hat hier schon bei einem Kreisheimatkundlertag Vorarbeit geleistet und auf die Wichtigkeit der Inwertsetzung der Geotope in der Kulturlandschaft Westerwald und auf die damit verbundenen positiven Auswirkungen für einen sanften Tourismus hingewiesen. Was hätte man nicht schon alles mit der berühmten, bei Wissenschaftlern auf dem ganzen Globus bekannten, 23 Millionen Jahre alten „Stöffelmaus“ unternehmen können, stattdessen hat sie sich verschämt in der neuen Geologischen Abteilung des Landschaftsmuseums in Hachenburg verkrochen. Im Westerwald haben wir länderübergreifend geologische Besonderheiten, die gemeinsam vernetzt werden sollten. 

Wir scheitern häufig und ganz allgemein immer wieder daran, dass die Fürsten und Grafen unserer heutigen politischen Landschaft mehr oder weniger und doch allzu oft ihr eigenes Süppchen kochen und diese mit bescheidenen Mitteln realisierbaren Ideen nicht zügig anpacken. Es ist das Gebot der Stunde, unseren Westerwald noch viel bekannter zu machen und über Verbandsgemeinde-, Kreis- und Landesgrenzen hinweg als lebenswerten Erholungs-, Wirtschafts- und Lebensraum anzubieten.

Die junge Initiative „Region Mittelrhein“ zur Stärkung des rheinland-pfälzischen Nordens - man konnte leider keinen besseren Namen finden - ist nur zu begrüßen. Das darf allerdings nicht dazu führen, zu glauben, dass wir die Werbung für unsere Heimat jetzt einstellen können. 
Nun gerade gilt es, uns an unsere eigenen Werte und der Einzigartigkeit mit charismatischen Kräften an der Spitze, zu erinnern und immer aufs Neue festzustellen, wie attraktiv die Westerwälder Heimat eigentlich ist.
Mit der regionalen Identität des Westerwaldes unter dem Dach der Region Mittelrhein kann ich mich anfreunden, obwohl mir die große Lösung, die Westerwaldregion zwischen Sieg, Lahn und Rhein, sympathischer wäre.

Weil wir nun alle in einem Boot sitzen müssen, um Probleme zu lösen und voran zu kommen, soll das eine kurze Episode in Salzer Mundart von Rita Wörsdörfer noch humorvoll deutlicher machen:

Setze zwa im neue ICE un foarn durch de Westerwald.
"Säht de a: "Aisch will no Källe. Un dau?“ – „ Aisch forn no Frankfurt“, 
säht de anner. „Et es jo net ze glawe, wott die moderne Technig hau alles ferdisch brengt“, säht de, de no Källe will. „Aisch forn no Källe und dau no Frankfurt.
Un alle zwa setze mir im selwe Zuch!“


Meine Damen und Herren, 
schließen möchte ich mit einem besonderen Ereignis. Für das Landschaftsmuseum Westerwald ist heute ein bedeutender Tag. Nach einer zu langen Zeit der Vakanz, wird der Volkskundler Dr. Manfrid Ehrenwert als neuer Museumsleiter vorgestellt. Ich wünsche ihm - und, ich denke sie können sich alle anschließen - und dem Landschaftsmuseum „allemol“ eine erfolgreiche Zukunft, eine Zukunft, die zum guten Ruf des Westerwaldes beitragen kann. 

Karl Kessler  
23.11.2003


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letzte Bearbeitung: 27.11.11