Seltenes Steinwerkzeug bei Alpenrod gefunden
Karl-Heinz Krahm / Karl Kessler

Hinterlassenschaften der frühesten jungsteinzeitlichen Bauernkulturen im Westerwaldkreis wurden durch einen „Schuhleistenkeil“ ergänzt

Von den vorher in der Mittelsteinzeit nomadisierenden Kulturen der Jäger und Sammler sind bisher nur wenige Funde im Westerwald bekannt geworden. Mit der zunehmenden Vegetation durch die Klimaerwärmung nach der letzten Eiszeit breitete sich um 5000 v. Chr. die ackerbauende Kultur der Bandkeramiker in Mitteleuropa aus, nachdem sie im Nahen Osten, in Mesopotamien und Anatolien, entwickelt worden war. Ihren Namen verdanken die Bandkeramiker den bänder- und mäanderartigen Verzierungen, die sie in ihre Tongefäße ritzten. Die Entwicklung des Ackerbaus und der Töpferei verliefen parallel. Mit der Einführung des Ackerbaus begann die Rodung des Waldes und die Holzbearbeitung, dabei wurden auch geschliffene Steinbeile verwendet. Die Archäologie hat in der Vergangenheit eine Verdrängung der Jäger und Sammler durch die Bandkeramiker angenommen. Aufgrund der mittleren Ausbreitungsgeschwindigkeit von 1 km im Jahr, wird nun auch eine allmähliche Übernahme neuer Techniken durch die alteingesessenen Völker diskutiert.

Wetzstein oder Steinbeil?
Der Aufmerksamkeit des Alpenroder Bürgers Thomas Müller ist es zu verdanken, dass der Westerwald um ein Zeugnis aus längst vergangener Zeit reicher geworden ist. Er fand bei der Feldarbeit in der Nähe von Alpenrod im Januar 2005 einen sonderbar geformten Stein, wie er ihn bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu Sicht bekommen hat und den er nicht einordnen konnte. Thomas Müller zeigte den Fund der Gesellschaft für Heimatkunde (GfH) an, die sogleich das Landesamt für Archäologische Denkmalpflege in Koblenz zu Rate zog.


Schuhleistenkeil aus Alpenrod
Foto: Karl-Heinz Krahm


Nach freundlicher Mitteilung des Archäologen Dr. Axel von Berg handelt es sich bei diesem Fund um einen sogenannten „großen Schuhleistenkeil“, der nach seiner Auffassung ca. 7.000 Jahre alt ist und der Bandkeramik, einer Epoche des Altneolithikums, (Ältere Jungsteinzeit), vor etwa 5.500 bis 4.900 vor Christus zuzuordnen ist. Eine Merkwürdigkeit dieses steinzeitlichen Arbeitsgerätes scheint das Material zu sein. Es handelt sich bei dem Gestein um Amphibolith. Der jüngst gefundene Schuhleistenkeil weist ein Gewicht von 424 g auf, bei den Ausmaßen vom 208 mm Länge, 25 mm Breite sowie 390 mm Höhe mit D-förmigem Querschnitt. Das Steinwerkzeug wurde vom Finder dem Landschaftsmuseum Westerwald in Hachenburg geschenkt und ist dort unter der Nr. H 743 inventarisiert und ausgestellt.

Der Schuhleistenkeil von Marienberg

Ein Schriftwechsel aus dem Jahr 1904 zwischen Pfarrer Eugen Heyn, Marienberg, und Professor E. Ritterling, dem Direktor des Landes-Museums NASSAUISCHER ALTERTÜMER in Wiesbaden, überliefert den Fundbericht eines Steinbeils. Heyn teilte am 12. September den Fund eines Nephritbeils in der Nähe von Marienberg mit. Kurze Zeit später hatte er sich um den Fund, der sich im Besitz des Kirburger Pfarrers Krücke befand, für die Wiesbadener Sammlung bemüht. Doch hatte dieser inzwischen das Beil an einen Offizier verschenkt, der bei ihm in Quartier lag. Weitere Bemühungen führten dann zum Erfolg. Ritterling schrieb am 12. November 1904 an Heyn: Dass ich das Steinbeil von dem Oberleutnant doch für das Museum erhalten habe, werden Sie wohl von Herrn Pfarrer Krücke erfahren haben; ich freue mich, dass diese Erwerbung geglückt ist. Über die Fundumstände und die genaue Fundstelle war zunächst nichts genaueres mehr in Erfahrung zu bringen. In den Mitteilungen des Vereins für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung 1906/1907 wurde der Fund erstmals veröffentlicht: Ein vortrefflich erhaltenes, schön geschliffenes Steinbeil von über 19 cm Länge und 4 cm Höhe schenkte Herr Pfarrer Heyn - Marienberg (Inv.-Nr. 18818), es ist wegen seines Fundortes in der Nähe von Marienberg von besonderem Interesse. Da die Fundstelle außerhalb der jetzigen oder ehemaligen Dorfraite auf nie als Ackerboden benutztem Gelände zu Tage gekommen ist, wird die Möglichkeit, das Stück könne erst in neuerer Zeit – als Schutzmittel gegen Blitzgefahr sind diese „Donnerkeile“ ja vielfach auf dem Lande verwendet worden – an seinen Fundplatz gelangt sein, ausgeschlossen. Vielmehr bildet es wieder einen Hinweis, dass bereits in der jüngeren Steinzeit – das Beil zeigt die sogenannte Schuhleistenform, wie sie mit der sogenannten Mäanderbandkeramik zusammen gefunden zu werden pflegt – auch der hohe Westerwald nicht ganz unbewohnt gewesen sein kann. 



Schuhleistenkeil von Bad Marienberg
Foto: Karl Kessler


Durch ein altes Foto des Fundes und Briefe von Ritterling an Heyn, die vom Westerwaldverein Bad Marienberg aufbewahrt wurden, konnte der Schuhleistenkeil in Wiesbaden wieder aufgefunden werden. Er befindet sich heute als Leihgabe zusammen mit bemerkenswerten weiteren Bodenfunden aus dem Bereich der Verbandsgemeinde in den Heimatstuben Bad Marienberg – Stadt und Raum.

Rohmaterial, Aussehen und 
Verwendung der Schuhleistenkeile



Amphibolit kommt im Westerwald nicht vor. Es ist ein zähes Gestein, im wesentlichen aus Hornblendemineralien, mit einem wechselnden Gehalt an Feldspaten und Quarz. Die nächsten Lagerstätten des dunkelgraugrünen bis dunkelgrünen Amphibolits sind im sächsischen Erzgebirge, Fichtelgebirge, Schwarzwald, Frankenwald und Spessart zu finden. Nephrit kommt im Harz vor und ist die zäheste und edelste Abart des Amphibolitgesteins. Schuhleistenkeile, auch als quergeschäftete Dechsel bekannt, haben eine langgestreckte Form. Ihre Unterseite ist plan geschliffen, die Oberseite hochgewölbt. Das Gerät hat einen D-förmigen Querschnitt. Durch den plankonvexen Querschnitt ist die Schneide nicht symmetrisch, sondern aufgewippt und gewölbt. An den Fundstücken von Alpenrod und Bad Marienberg ist an der Unterseite der Schneide ein leichter Hohlschliff zu erkennen, ähnlich wie bei heutigen Stechbeiteln. Diese Werkzeuge waren sicher quer zum Holzstiel geschäftet und wurden wegen ihrer geringen Schneidenbreite hauptsächlich bei Behauarbeiten zum Aushöhlen bei der Herstellung von Holzgefäßen (Bottichen), bei Feinarbeiten der Zimmerleute und kaum bei landwirtschaftlichen Arbeiten verwendet.


Zeichnerische Rekonstruktion der Schäftung eines Schuhleistenkeils nach einer Vorlage des Landesamtes für Denkmalpflege, Archäologische Denkmalpflege, Koblenz. Grundlage bilden völkerkundliche Parallelen.

Bisher waren im Westerwaldkreis nur der Schuhleistenkeil von Bad Marienberg und 
ein Schuhleistenkeil, 2 Klingenfragmente sowie eine bandkeramische Scherbe von einer Fundstelle bei Nomborn bekannt. Der selten gut erhaltene Neufund von Alpenrod lässt 
darauf schließen, dass das Innere des

Westerwaldes in der Frühphase der Jungsteinzeit wenn nicht besiedelt dann doch begangen wurde. Durch diese dürftigen Oberflächenaufsammlungen lässt sich noch keine Besiedlung im Altneolithikum rekonstruieren.  - 29.04.2005 -

Quellen:
- Von Berg, Axel: Ur- und Frühgeschichte an 
Mittelrhein und Mosel. Archäologie an
Mittelrhein und 
Mosel 5. Koblenz 1990
- Wegner, Hans-Helmut: Führer zu 
archäologischen Denkmälern in 
Deutschland, Band 26.
Der Westerwald. Kreis Altenkirchen und 
Westerwaldkreis. Stuttgart 1993
www.indexdelist.de/keyword/Bandkeramik.php
www.mgl-obermaingeschichte.de /Beilage1992/Text/92KapIII2bl.htm


Gesellschaft für Heimatkunde im Westerwald - Verein
letzte Bearbeitung: 23.01.06
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