Kurze Geschichte des Westerwaldes

Im Jahre 1048 wird für den Raum der drei späteren Kirchspiele Marienberg, Emmerichenhain und Neukirch erstmals die Bezeichnung Westerwald verwendet. Gemeint war damit das Waldgebiet westlich des Königshofes Herborn.

Galt der Name ursprünglich nur dem Hohen Westerwald, so verstand man seit dem 19. Jahrhundert darunter das Mittelgebirge zwischen den Flusstälern von Rhein, Lahn, Sieg und Dill, fast in Übereinstimmung mit dem Arbeitsgebiet des Westerwald-Vereins. Mit diesem Westerwald befassen sich auch die nachfolgenden Ausführungen.

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts ist der Westerwald noch größer geworden und reicht im Osten bis zum Lahnbogen, wo der mittlere Ostflügel des Rheinischen Schiefergebirges endet. Die Besiedlung des Westerwaldes nahm von den Randlandschaften her ihren Ausgang, in denen auch die meisten vor- und frühgeschichtlichen Funde entdeckt wurden.
Es waren die alten Siedlungskammern im Neuwieder- und Limburger Becken, die Siegburg- Hennefer Bucht und das mittlere Lahngebiet im Südosten, die sich als Kerngebiete für eine erste politische Gliederung des Raumes anboten und von denen aus langsam das Landesinnere erschlossen wurde.
So finden wir dort in fränkischer Zeit den Engersgau, den Auelgau, und den Niederlahngau, von dem sich der Oberlahngau abhebt. Breite Grenzwaldungen trennten ursprünglich die Gaue voneinander. Die Gaugrafschaften waren schon im 12. Jahrhundert weitgehend bedeutungslos geworden. Kirche und Adel hatten die grundherrliche Macht übernommen. Neben den Erben der Stellvertreter des Königs, den Gaugrafen, hatten sich geistliche und weltliche Grundherren Machtstellungen im Kampf um die Ausbildung der Territorien geschaffen. Über den größten grundherrlichen Besitz verfügte der König. Das Königsgut kam nach dem Sturz der Konradiner an die Ottonen und Salier, die es zum großen Teil an die Kirchen verschenkten, die unter Trier, Köln und Mainz zusammen mit weiteren Kirchen nach dem Westerwald griffen, in den auch die Landgrafen von Hessen vordrangen. Neben den Grafen von Sayn, Nassau, Diez, Wied, Solms-Greifenstein und Isenburg steckten noch viele andere Herrengeschlechter ihre Herrschaftsbereiche ab. Im Verlauf des Mittelalters kam es durch häufige Erbteilungen zur Zersplitterung der ohnehin kleinen Herrschaftsgebiete. Die territoriale Gliederung vereinfachte sich erst zur Neuzeit hin.
Zum Ende des alten Reiches 1789 bestand der Westerwald noch immer aus den Territorien Sayn- Altenkirchen, Sayn- Hachenburg, Nassau-Oranien, Nassau-Weilburg, Nassau-Usingen, Leiningen- Westerburg, Wied- Runkel, Wied- Neuwied, Solms, Holzappel, Herzogtum Berg, Kurtrier, Kurmainz und Kurköln.
Nach den Koalitionskriegen und den napoleonischen Wirren konnte ein größerer Teil der Landschaft einer einheitlichen nassauischen Verwaltung zugeführt werden. 1866 annektierte Preußen das Herzogtum Nassau. Seitdem bildete es den Regierungsbezirk Wiesbaden der Provinz Hessen-Nassau. 1944 erfolgte nach deren Auflösung und aus einem erweiterten Regierungsbezirk Wiesbaden die Provinz Nassau.
Eine erneute Auflösung gab es 1945. Der größte Teil kam im Rahmen der amerikanischen Besatzungszone an das neugebildete Land Hessen. Die damaligen Kreise Oberwesterwald, Unterwesterwald, Unterlahn, Altenkirchen und Neuwied kamen durch die französische Besatzungszone an das Land Rheinland-Pfalz. Die anderen westerwäldischen Landesteile gehörten größtenteils seit 1815 zur preußischen Rheinprovinz.
Die früheren Kreise Siegen und der Siegkreis standen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs unter britischer Verwaltung. So gehört der Westerwald heute drei Bundesländern an.
Nach den letzten Verwaltungsreformen zählen zu Hessen die Kreise Lahn-Dill, Limburg-Weilburg und Marburg- Biedenkopf, zu Rheinland-Pfalz die Kreise Rhein-Lahn, Altenkirchen, Neuwied, Mayen- Koblenz und Westerwald, zu Nordrhein-Westfalen die Kreise Siegen- Wittgenstein und Rhein-Sieg.

Trotz aller tiefgreifenden Grenzveränderungen im 19. und 20. Jahrhundert hinweg ist der Westerwald ein "binnendeutsches Grenzland" geblieben und ist nach wie vor politisch und verwaltungsmäßig zersplittert. Nur einzig und allein die Gründerväter des Westerwald-Vereins hatten die Wichtigkeit eines einigenden Bandes klar erkannt und sich nie an politischen Grenzen gestört. 
Sie wussten: gemeinsam sind wir stärker.


Karl Kessler


Gesellschaft für Heimatkunde im Westerwald - Verein
letzte Bearbeitung: 14.01.04