Das Steinkistengrab am Landschaftsmuseum Westerwald
Karl Kessler
Eine 5000-jährige Nekropole der Jungsteinzeit aus Hadamar-Oberzeuzheim
im Hachenburger Burggarten


Zur megalithischen Wartbergkultur im Westerwald Im Jungneolithikum wurde der hessische Raum und damit der Lahn-Westerwald im Bereich des lößreichen Limburger Beckens von einer Variante der Megalithkultur erfasst, benannt nach der Verwendung von großen (gr. megas) Steinen (gr. lithos). Die megalithischen Steinbauwerke sind in einem weiten Bogen über Westeuropa verstreut und fallen durch ihre Größe und ihr fremdartiges Aussehen auf. Es sind Steinkistengräber oder Steinkammergräber, die wegen ihrer Form zur Gruppe der Galeriegräber zählen. Die Epoche ist bei uns auch als Hessische Steinkistenkultur bekannt, die sich am stärksten im Grabritual bemerkbar machte und nach neuem Forschungsstand jetzt mit "Wartbergkultur" bezeichnet wird. Die Wartbergkultur, etwa 3500 bis 2800 v. Chr., ist nach dem Wartberg bei Niedenstein- Kirchberg (Schwalm-Eder-Kreis) in Hessen benannt, auf dem Siedlungen dieser Kultur lagen. Der Begriff wurde 1951 von dem Prähistoriker Hermann Müller- Karpe geprägt. Die Grabanlagen dienten zu Kollektivbestattungen. Man hat die Toten einer Gruppe (Sippe) stets in derselben Gruft beigesetzt.

Die "nassauischen" Steinkistengräber in Niederzeuzheim, Niedertiefenbach und Oberzeuzheim, wurden, wie überall in Hessen, aus plattigen Felsstücken erbaut. Es sind in den Boden eingetiefte Grabkammern aus Wandsteinen, die mit einer Decke aus großen Steinen nach oben abgeschlossen waren. Die Decksteine sind meist durch den Ackerbau zerstört oder in den Erdboden versenkt worden. Die Lücken zwischen den Steinen wurden mit Trockenmauerwerk gefüllt. Die Grabkammern waren mit Steinschutt-Packungen umgeben und mit einem heute längst verschwundenen Erdhügel überdeckt. Die genannten drei Gräber gehören der jüngeren Wartbergkultur nach 3000 v. Chr. an und erbrachten als Fundmaterial außer wenigen Steingeräten, Kupferschmuck und Bernsteinperlen viele Skelettteile. In Niedertiefenbach, das Grab (Länge 10 m) war 1847 zur Hälfte gesprengt worden, konnten bei einer Grabung 1961 noch Knochen von mehr als 170 Bestatteten festgestellt werden. Im kleinsten Megalithgrab Hessens (Länge 6 m), in Niederzeuzheim, fand man 1954, nachdem das Grab vorher schon mehrmals durchwühlt worden war, Knochenreste von mindestens 23 Erwachsenen und 2 Kindern.

Das in Vergessenheit geratene Steinkistengrab von Oberzeuzheim.
Um einige bereits seit Jahrzehnten störende große Steine aus seinem gepachteten Acker zu beseitigen, stieß der Landwirt Berthold Horn aus Oberzeuzheim im Herbst 1985 auf weitere tieferliegende Steine in Plattenform und Knochen in großer Zahl. Er benachrichtigte die Grundstückseigentümer Maria und Emil Henkes in Salz von seinem Fund mit den Worten: "Maria, eich hunn'e Grob gefunne, fifty, fifty! ", Horn hatte geglaubt einen Schatz unter den Steinen zu finden. Die Antwort auf eine Anfrage im Landschaftsmuseum Westerwald ergab den Hinweis auf ein weiteres Steinkistengrab im Limburger Becken. Daraufhin wurde das Landesamt für Denkmalpflege Hessen in Wiesbaden benachrichtigt. Dass es sich eindeutig um menschliche Knochen handelte, ergab eine erste anthropologische Untersuchung durch das Landesamt im Oktober 1985. Von April bis Juni 1986 konnte unter wissenschaftlicher Leitung von Dr. F.R. Herrmann und unter örtlicher Leitung von Grabungstechnikerin S. Güttner eine Grabung durchgeführt werden. Mit einer Sonde wurde zunächst festgestellt, dass sich noch mehr große Steine im Boden befanden. Damit erhärtete sich die Vermutung, es könne sich um ein Steinkistengrab handeln.
Die Fundstelle liegt am Südost-Hang zum Holzbach hin in der Oberzeuzheimer Flur 48 "Beim grauen Stein", im Jahr 1439 bii dene graen steynen. Bei einem Grenzstreit zu Beginn des 17. Jahrhunderts lautet der Flurname Groß Stein, Grauwe Stein und Groen Stein für ein Schiedtmahl (= Grenzstein). Demnach ist zu vermuten, dass es sich dabei mindestens um einen Stein des Grabes handelte, der damals noch sichtbar war. Auf der ca. 250 qm großen Ausgrabungsfläche konnten unter Humus- und Lößschichten 20 ortsfremde Basalt-Steinplatten zwischen 1,00 m und 2,50 m Länge, die meisten davon um 1,80 m, freigelegt werden. Die nächsten Basaltvorkommen liegen 1,3 bis 2,4 km entfernt. Die 1 bis ca. 5 Tonnen schweren Basaltsteine, also keine Kalksteine wie ursprünglich angenommen wurde, sind von dort mit Schleifen, Rollen, Rampen und Hebebäumen an den Grabort transportiert worden. Sie befanden sich sämtlich nicht mehr in situ und waren, um wertvollen Ackerboden zu gewinnen, zu verschiedenen Zeiten in Verlochungsgruben versenkt worden. Niemand konnte sich mehr an das Grab erinnern, es war in Vergessenheit geraten. Ein Stein zeigte außer zwei vermutlich eingepickten Näpfchen oder Schälchen keine weiteren Bearbeitungsspuren. Solche "Schalensteine" gehören zum Umkreis megalithischer Denkmäler, sind aber auch noch aus der Bronze- und Eisenzeit bekannt.

In Steinen der Megalithgräber wurden auffällig oft kleine schälchenartige Vertiefungen festgestellt. Unbestritten ist die mythologisch-religiöse Bedeutung, deren genauer Zweck noch ungeklärt ist, obwohl es schon viele Deutungsversuche gab. Auf die Frage, welchem Glauben die Erbauer der Steinkistengräber anhingen, finden wir keine Antwort. Sie waren aber Teilhaber von Vorstellungen, die sich um einen repräsentativen, monumentalen Totenkult ranken, um kultische Handlungen am Grab der Verstorbenen mit einem vermutlich hochentwickelten Priesterstand.
Im sonst steinfreien Lößboden befand sich Steinschutt von einer ursprünglichen Hügelpackung, die sich ehemals über der Grabkammer wölbte oder der als Füllung zwischen den Wandblöcken diente. Außer wenigen Tierknochen wurden grazile Menschenknochen (ein Schädel) von etwa 50 Bestatteten und eine einzige wohl von einer Bernsteinkette übrig gebliebene Perle gesichert. Immerhin für die Wissenschaftler ein "Schatz", der von der Nordseeküste auf alten Handelswegen in den Westerwald gekommen war. Bis um Chr. Geb. kam der Bernstein ausnahmslos von der Westküste Jütlands und danach auch von der samländischen Küste. Die archäologischen Untersuchungen und Bodenfunde bestätigten die Vermutung: Wenn auch zerstört und in seiner ursprünglichen genauen Lage und Form nicht mehr bekannt, ein drittes Steinkistengrab im Limburger Becken rechts der Lahn war entdeckt worden, es hatte vermutlich schon vor mehr als 500 Jahren der Flur den Namen gegeben.

Zu den drei Gräbern gehörende Siedlungen wurden bislang noch nicht aufgefunden. Von den wenigen bisher bekannt gewordenen Siedlungen im nord- und mittelhessischen Raum, und der von dort vorliegenden Befunde, dürften Viehzucht und Jagd die Haupterwerbsquelle der Bevölkerung gewesen sein. Der Ackerbau spielte eine untergeordnete Rolle. Erwähnenswert ist die Lage der drei Steinkistengräber in einer Höhenlage um 200 m fast genau auf der Grenze zwischen den fruchtbaren und weniger fruchtbaren Lößböden des inneren Beckens. Die Lage ist auch ein Merkmal für viele Steinkammern Hessens.

Ein neuer Standort am Landschaftsmuseum Westerwald
Die Ausgrabungsfläche wurde nach Beendigung der Untersuchungen wieder eingeebnet, nachdem der ursprüngliche genaue Zustand der Steinkiste sich nicht mehr feststellen ließ. Ein Landschaftsarchitekt hatte schnell Interesse an den mächtigen Steinen bekundet, das keine Unterstützung fand. So blieb ein Stein als "Erinnerung" in Oberzeuzheim. Durch Vermittlung der Eheleute Henkes aus Salz und im guten Einvernehmen mit dem Landesamt für Denkmalpflege in Hessen wurden 19 Basaltplatten dem Landschaftsmuseum zur Umsetzung des Grabes in den Hachenburger Burggarten überlassen, zu der die Stadt vorher eingewilligt hatte. Überlegungen spielten dabei eine Rolle, wie man später einmal das nicht zum historischen Burggarten gehörende Gelände evtl. mit Nachbauten vorgeschichtlicher Haustypen ohne das der Baumbestand gefährdet wäre, attraktiv in Verbindung mit dem Museum gestalten könnte. Der Westerwaldkreis als Museumsträger hatte seine Zustimmung zum Aufbau des Steinkistengrabes gegeben. Die Westerwälder Volksbank e. G. Hachenburg und der Freundeskreis des Landschaftsmuseums Westerwald e. V. stellten die finanziellen Mittel zur Verfügung. Ein Schwertransport brachte die tonnenschwere Steine zum neuen Standort. Von Museumsmitarbeiter und Techniker Hermann Orthey wurden die Wand- und Deckensteine vermessen und ein Modell für die Rekonstruktion gebaut. Wie man gut auf der Rekonstruktionszeichnung erkennen kann, dürfte die ursprüngliche Form annähernd erreicht worden sein. So gibt die Steinkiste von Hadamar- Oberzeuzheim am Landschaftsmuseum ein eindrucksvolles Bild jungsteinzeitlichen Bestattungswesens.

Rekonstruktionszeichnung des Steinkistengrabes von Hadamar-Oberzeuzheim. Das Grab war im intakten Zustand mit einem Erdhügel überdeckt. Ein kurzer Eingangsbereich ermöglichte es, die Grabkammer bei späteren Bestattungen leichter zu betreten.
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Literatur:
Bausch, Hermann-Josef: Oberzeuzheim im Spiegel der Geschichte. Hadamar 1987.
Bismarck, Rule von: Bernstein - das Gold des Nordens. Neumünster 1972.
Herrmann, Fritz-Rudolf / Jockenhövel, Albrecht (Hrsg.): Die Vorgeschichte Hessens. Topographischer Teil. Stuttgart 1990.
Jockenhövel, Albrecht: Die Jungsteinzeit. In: Die Vorgeschichte Hessens. Stuttgart 1990.
Lischewski, Hartmut: Die Jungsteinzeit im Kreis Gießen. In: Inventar der urgeschichtlichen Geländedenkmäler und Funde im Stadt- und Landkreis Gießen. Frankfurt a. M. 1976.
Raetzel-Fabian, Dirk: Die Ergebnisse des Datierungsprojektes Wartbergkultur -Detailbetrachtungen zur chronologischen Entwicklung im Jungneolithikum Hessens. Vortragsmanuskript. http://www.jungsteinsite.de /1999
Spanuth, Jürgen: Atlantis. Tübingen 1965. * Spanuths Untersuchungen zur Herkunft des Bernsteins sind 1980 durch Untersuchungen der Universität Kiel in vollem Umfange bestätigt worden!

Maria und Emil Henkes aus Salz wird für freundliche Auskunft und Unterstützung herzlich gedankt.


Gesellschaft für Heimatkunde im Westerwald - Verein
letzte Bearbeitung: 12.01.04