Die Mundartlandschaft Westerwald: Wäller Platt
 
Karl Kessler

 

Mit der zunehmenden Verkehrserschließung des Westerwaldes und der damit verbundenen Mobilität kam es seit dem 19. Jahrhundert ständig zu großen Veränderungen der Lebensgewohnheiten.
Altes Brauchtum geriet in Vergessenheit, Trachten sind längst abgelegt und die Mundart wurde vernachlässigt. Städtische Vorbilder führten zur Umbildung des Begriffs- und Wortvorrats. Das neue Weltbild und die Umgestaltung der Geisteshaltung der Bewohner trugen ähnlich wie in anderen Mittelgebirgslandschaften wesentlich dazu bei.
Doch hat sich der Westerwald in den letzten 100 Jahren zu einer immer mehr gefragten und beliebten Landschaft entwickelt. Das Heimatbewusstsein ist gestiegen, man bekennt sich als "Wäller", als Westerwälder. Zu dieser Entwicklung hat der Westerwald-Verein viel beigetragen.
Und dennoch spürt man immer deutlicher das Schwinden der Mundart. In den letzten 50 Jahren wurden immer mehr Mundartwörter seltener bebraucht und werden bald verloren gehen. Die Oma schwätzt noch im breiten "Wäller Platt", die Mutter "bemüht" sich und der Schüler "spricht". Das ist in unserer bildungsbeflissenen Zeit leicht zu verstehen. Noch kennt man einige Bezeichnungen der Geräte aus den Bereichen der Landwirtschaft, des alten Handwerks und des Bergbaus, von deren Handhabung nur noch wenige der Alten zu berichten wissen. Hausnamen, Flurnamen und Redensarten geraten fortschreitend in Vergessenheit.
Der ländliche Alltag spricht nur noch in Überbleibseln aus den Wörtern des Westerwälder Dialekts, der Sprache erdgebundener Menschen, die Bindeglied, Erkennungszeichen, Erinnerung, Tradition und geistiger Schatz war.

Wie wichtig die Dokumentation und Pflege der Mundart gerade für uns im Westerwald ist, zeigt uns eine Erhebung von Sprachforschern.
Am ursprünglichsten ist die Mundart in den kleinen Westerwalddörfern als sprachliches Erbe erhalten geblieben. Trotz der ländlichen Struktur ist nur bei etwa 12% der Westerwälder das Platt beliebt. So ist also zur Dokumentation in Wort, Erklärung und Ton Eile geboten.
Ohne das Wissen um die Grundlagen und um die Entwicklung der Mundart, ist deren Erfassung kaum möglich. Die eigentliche wissenschaftliche Beschäftigung mit der Sprachgeographie begann im 19. Jahrhundert durch die Erforschung der Sprachgeschichte und der historischen Grammatik.
Dabei kann im Westerwald auf frühe und grundlegende Arbeiten zurückgegriffen werden.

Da ist an erster Stelle das im Jahr 1800 erschienene Wörterbuch "Westerwäldisches Idiotikon" des Willmenroder Pfarrers Karl Christian Ludwig Schmidt zu nennen. Diese Fleißarbeit aus dem Westerburger Raum ist für den Westerwald von größter Bedeutung. Vieles aus dem bäuerlichen Leben vor den Veränderungen der vergangenen zwei Jahrhunderte ist in heute längst unbekannten Wörtern nebst Erläuterungen als ein unschätzbarer Ein- und Rückblick überliefert worden. Vor rund 140 Jahren veröffentlichte der Seminardirektor Joseph Kehrein in Montabaur sein Werk "Volkssprache und Wörterbuch von Nassau" mit viel Westerwäldischem. Seit etwa 80 Jahren wird in Marburg am "Hessen- Nassauischen Volkswörterbuch" gearbeitet, das zum Teil herausgegeben, doch noch lange nicht abgeschlossen ist. Darin sind zahlreiche Mundartwörter vieler Orte des ehemals nassauischen Westerwaldes erfasst. Hinzu kommen das "Rheinische Wörterbuch" und das "Siegerländer Wörterbuch".
Diese bedeutenden Sammlungen werden ganz erfreulich ergänzt durch eine stattliche Anzahl örtlich oder regional veröffentlichter und unveröffentlichter Mundart-Wörterbücher der letzten Jahre. Wissenschaftliche Untersuchungen verdanken wir Hommer und Kroh 1915, Bleyer 1936 und Dr. h.c. Karl Löber 1965 mit seinen wichtigen Erkenntnissen in "Beharrung und Bewegung im Volksleben des Dillkreises".
In besonderem Maße war es Prof. Dr. Adolf Bach aus Bad Ems, der mit seinen Forschungen im ganzen deutschen Sprachgebiet internationale Anerkennung erlangte. Immer wieder fand er zum Wurzelboden seiner Heimat im Lahntal zurück. "Die Schärfung in der moselfränkischen Mundart von Arzbach", "Die Frickhöfer Krämersprache", "Kemmenauer Ruppdievuhl" und "Kulturströmungen in Nassau" zeugen davon. Innerhalb des mitteldeutschen Mundartengebietes, das sich in einem breiten Gürtel zwischen den Gebieten des Ober- und Niederdeutschen hinzieht, gehört der Westerwald dem westmitteldeutschen Gebiet an, das seinerseits wieder zerfällt in das Ripuarische (Kurkölner Kulturkreis; nordwestlicher Westerwald), das Moselfränkische (Kurtrierer Kulturkreis; südwestlicher, mittlerer und Hoher Westerwald bis hin ins südliche Siegerland) und das Rheinfränkische (Kurmainzer Kulturkreis; südöstlicher Westerwald)

Es gibt also keine einheitliche "Westerwälder Mundart".
Sie hat ihre Quellen im Indoeuropäischen, das mit den jungsteinzeitlichen Schnurkeramikern in Zusammenhang gebracht wird. Fluss- Tier- und Pflanzennamen deuten darauf hin. Aus dem jüngeren Germanischen und Lateinischen stammen u. a. Orts- und Flurnamen. Einflüsse fremder Sprachen hat es zu allen Zeiten gegeben, so wurden lateinische, hebräische und französische Wörter in die Mundart übernommen. Auch "Rotwelsch", eine zusammengetragene, abgeschlossene, künstlich gemachte Gaunersprache, zusammengesetzt aus Platt mit unbekannten ausländischen "Brocken", fand Eingang.
Nach dem Zweiten Weltkrieg ergoss sich zunehmend bis in unsere Tage eine Flut von amerikanischen und englischen Ausdrücken auf unsere schöne deutsche Sprache. Besonders waren davon die Bereiche der Technik und der Werbung betroffen. So blieb auch unser Dialekt leider nicht ganz davon verschont. Jedoch die Prägung der Westerwälder Volkssprache wurde durch die drei schon vorgenannten Kulturkreise bewirkt. Wenn auch von außen beeinflusst, hat sie sich bei uns herausgebildet, so spricht man eben nur im Westerwald.

Neben der deutschen Hochsprache hat sich die Volkssprache in ihrer ungewöhnlichen Bildkraft und Ausdrucksweise entwickeln können. Das lag an der unvoreingenommen und unbefangenen Art der Beobachtung des Volkes. Der dem Dialekt eigene Rhythmus, die Vielfalt und Farbigkeit zusammen mit dem anheimelnden Klang, übte seit je auf den volkstümlichen Dichter einen besonderen Reiz aus.
Stellvertretend für eine ganze Anzahl heimischer Dichter soll nur Adolf Weiß aus Mademühlen genannt werden. Soviel Freude man mit humorvoller und treffender Poesie auch bereiten kann, umso wichtiger ist für die Erfassung der Mundart das Sammeln des verbliebenen Wortbestandes, ergänzt durch Beiträge in Prosa, zusätzlich aufgelockert durch Dialoge. Wer sich aufmerksam damit befasst, wird die feinen Unterschiede in der Ausdrucksweise bald feststellen.
Da ist z. B. die Sache mit dem Regen. In der Hochsprache sagt man "es regnet", dann kann das ein sehr unterschiedlicher Regen sein, es sei denn, wir setzten noch "sehr" oder "ein bisschen" hinzu. Auf Platt aber können wir die feinsten Unterschiede in der Stärke des Regens ausdrücken: "öt niwwelt, öt fisselt, öt trebbelt, öt trätscht, öt schütt, öt gisst".

Durch nachfolgende Beispiele mögen die Vielfalt unserer Volksprache erkennen lassen:

Die gewaldisch degge Erdebbel
Dä Kall ön sei Liesje worn off da Marmer Hüh om Erdebbel ausdoh.
Die zwa harren ön riesische Spaß üwwer die gewaldische degge Erdebbel. Wie se ohmens heem fuhrn möt dem schwer belorene Woh voll Erdebbel, ön dä Kall se in de Kähr gedoh hat, du verzohl hä in da Noberschaft, dät se de Erdebbel möm Bröcheise ön möt da Kreuzhaw ausgedoh ön da möt da Drommsee durchgeschniere härren. Ön von däm Seemehl künn ganz Owermarmerich 14 Daach lang Riewesblätzjer bagge.

Erzählt von Erhard Donath in der Mundart von Bad Marienberg

De gruhs Backmool
Hanjuste Thedor ön sei Mielche worn frösch bestoot ön wullden det ihrschdemol bagge. De Schwier, dä ahl Lui, soh üwwert Mielche: "Holl dän Geback in da Mühl, mornse Onnern würd gebacke." Det Mielche nohm stellschweijens dön Schubkarrn ön wull dön Geback holle. Öt geng och alles ganz gutt, böss off däm Bröckelche bei Handeise. Do rötschte det Mielche aus, ön dä ahl schockelisch Schubkarrn kippte möt sams'tem Mehl in de Müllgrowe.
De Läu leffen zesomme ön och dä Lui kom herbei, ön soo seinem Schnürche:"Wönn dau dir dott oofänge wölls im Mühlgrowe oozemenge, da reicht all dei Mehl net aus."

Erzählt von Hermann Wüst in der Mundart von Bad Marienberg-Langenbach
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Huppe, huppe Horn, de Köh sein im Korn. Wu ös da Hirte? Im Gebirde! Wot dürre do?
Hä sücht jonge Honn. Wie sunn'se hase? Knöppel in de Gaaße! Knöppel in de Woore!
Ös mei Weirepeifche net baal ausger ooooo re?

Ein Bastlösereim aufgezeichnet von Heinrich Kempf in der Mundart von Großseifen

Det schünste Woad
Heimat ös det schünste Woad off da ganzen Welt. Heimat ös da schünste Oad unnam Himmelszelt. Heimat, ach, wie sein esch fruh, datt esch dich noch hann. Un esch freuen mich jo su, datt esch häi sein kann. Gedicht von Friedel Schweitzer in der Mundart von Hütte

Wenn ma'n Bälmaa of en Gaul setzt, rannte Leu em.
De ale Kreppe sei gebliwe, et sei nur naue Säu am komme.
Maulspetze gelt net, et muss aach gepeffe wern.
Viel Henn mache dä Orwet e En.

Geflügelte Worte gesammelt von Ännchen Jung-Eisel in der Mundart von Irmtraut

Soag net ihnder hopsa, als bis de iwer de Bach bist!
Vom Nixdon raucht keine Schornste.
Der Mann kann met em Leirerwo'n net so viel einfohre,
wie de Frau en der Schürz rausdrain kann.
Wemmer all die Mäuler zustoppe wollt, müsst mer viel Dreck hon.

Sprichwörter niedergeschrieben von Johanna Arndt in der Mundart von Eitelborn

Sicher wird in unserer schnelllebigen Zeit zusammen mit der zunehmenden Beweglichkeit und der Umgestaltung des ländlichen Lebens hin zu einer multikulturellen Gesellschaft die Mundart immer schneller abgestreift werden. Und doch sollte sie so lange als möglich durch ihren Gebrauch gepflegt werden. So ist also zum Aufzeichnen und Aufnehmen in Wort und Ton Eile geboten.
Aus dieser Erkenntnis heraus hat der Westerwald-Verein durch Mundart-Wettbewerbe und dem Aufbau einer Mundart-Datenbank vor etwa 25 Jahren begonnen, das Wäller Platt lebendig zu erhalten und gleichzeitig zu sichern.  "Einzelkämpfer" z. B. in Hellenhahn, Montabaur und Hillscheid arbeiten mit dem gleichen Ziel vor Augen. Die Gesellschaft für Heimatkunde hat die Arbeit mit neuem Schwung fortgesetzt. Regionale Arbeitskreise im Raum Altenkirchen, Hachenburg und Bad Marienberg verfügen schon über beachtliche Wörtersammlungen. Sie sollen in absehbarer Zeit unter Beratung eines Sprachwissenschaftlers in Heft- oder Buchform herausgegeben werden. Ein weiterer Arbeitskreis widmet sich erfolgreich der Veröffentlichung von kurzen mundartlichen Beiträgen der verschiedensten Dialekte in der Westerwälder Zeitung, um so die Leser neu für die Mundart zu interessieren.

"Su öss uhs Sproch: ön Urwuchs, fruuh im Freie gebonne - mir honn uhs Bloome omm Agger gefonne!"


Karl Kessler 26.07.2001


Gesellschaft für Heimatkunde im Westerwald - Verein
letzte Bearbeitung: 01.07.05