Förderung der Heimatverbundenheit
Heimisches Brauchtum
von Studiendirektor Paul Solbach a. D. aus Schutzbach bei Betzdorf/Sieg

Seit meiner frühen Kindheit und erst recht ab dem Lebensalter, wo ich bewußt besondere Gepflogenheiten in meinem Heimatort registrierte, gab es viel mehr Bräuche, als sie heutzutage noch gepflegt werden.

Drei Bräuche sind es, die mir in besonderer Weise charakteristisch für die soziale wie auch ökumenische Funktion ihrer selbst erscheinen. Es sind: die „Buhrnen" - und „Kwätschehost", das „Tellerläuten" an Heiligabend und die seit Jahrhunderten tradierte Vorgehensweise bei der Auswahl der „Lichcheträjer" (Sargträger). Für jemand, welcher der von Dorf zu Dorf variierenden übergeordneten „Moselfränkischen Mundart" nicht mächtig ist, werden Sinnerläuterungen dieser Komposita notwendig: Buhrn = Bohne, Kwätsche = Siegerländer Hauszwetsche, die einstmals auf Schlehdorn gepfropft wurde. In unserem Ort werden die meisten „ä" breit und leicht nasalierend gesprochen.

Das Wort „Host", wobei das „o" kurz und geschlossen gesprochen wird, hat vielleicht etwas mit dem altertümlichen englischen Wort „host" (houst) gesprochen, im Sinne von unfaßbarer Menge zu tun. In meinem Heimatort verbindet man mit diesem Wort die Vorstellung von viel, aber unter Zeitdruck zu verrichtender Arbeit über längere Zeit. Es schwingt darin unterschwellig das moderne Wort Hektik mit, obwohl vom Melos her das Wort „Host" nicht so hart wirkt. Die ältere Generation sagt noch „Watt önn Host unn Jacht" (Jagd). Auch lebt das Wort „Host" noch weiter in Formulierungen wie:

„Bei uns gibt es dieses jähr keine „Krössdaachshost", (Weihnachten) „Uursterhost" (Ostern) oder auch in „Gebuurtsdaachs Host" (Geburtstag).

Damit Bohnen und Zwetschen in großen Mengen schnell verarbeitet werden konnten, kamen früher Verwandte, Nachbarn und gute Dorfbekannte zu der jeweiligen Familie, wo eine „Host" war, um mitzuhelfen. Natürlich brachte jeder sein eigenes Messerchen zum „Fiesen" der Bohnen und Entkernen der Zwetschen mit, „Dorftratsch", aber auch viel wertvoll Zwischenmenschliches unterstützten diese „Hosten". Auch mancher Schabernack wurde sich dabei ausgedacht. So weiß ich noch aus meiner Kinderzeit, daß die „Fiesen" der Bohnen und die Kerne der Zwetschen als Streugut dienten, die Liebesbeziehung zwischen einer Dorfschönen und einem im gleichen Dorf wohnenden Verehrer, die diese bis dahin nicht offen zugeben wollten, bekanntzumachen. Diese „Fiesen" und „Kerne" wurden dann in unübersehbarer Weise in Streifenform auf die Straße gestreut, die die Häuser der beiden Verliebten verband, um eben auszudrücken, daß man um diese Beziehung längst Bescheid wußte. Da das Wegfegen dieser „Streu" für die Betroffenen am Tag einem Spießrutenlaufen gleichgekommen wäre, blieben sie einen ganzen Tag liegen, wurden nachts erst entfernt und hatten meist zur Folge, daß einer der beiden durchblicken ließ, daß bald Verlobung sei.

Weil mit diesem Brauch aber auch häufig kompromittierender Mißbrauch getrieben wurde, und die jungen Verliebten heutzutage ohne Heimlichtuerei auskommen, hat dieser alte Brauch schon seit Jahren ein Ende gefunden.

Auch das seit Generationen bei Kindern so sehnlich erwartete „Teller-lauten" an Heiligabend hat mit dem Tod eines alten Schutzbachers sein Ableben gefunden. Wir hatten und haben heute noch eine kleine, zwar armselig klingende Gemeindeglocke, die im Dachstuhl des Fachwerkschulgebäudes unseres Ortes aufgehängt war. Doch hat es mit ihr eine besondere Bewandtnis: Während ihr simples „Bim-Bim", morgens um acht Uhr geläutet, anzeigte, daß jemand in der Nacht gestorben war, und es auch den Leichenzug von dem Augenblick an, als der Sarg das Haus verlassen und auf dem Friedhof ins Grab gesenkt worden war, begleitete, verkündete sie an Heiligabend auch ein fröhliches Ereignis.

Am Heiligen Abend war ihr Läuten weit von dieser ihr zugedachten Trauerfunktion entfernt, sondern hatte Punkt 18 Uhr einen freudigen Anlaß zu verkünden, der von allen Kindern, - ob evangelisch oder katholisch, war unbedeutend dabei, -erwartet wurde. Nur das wichtigste war, daß das zweischlägige Bim-Bim in „vier Silben" umgewandelt werden mußte, wobei der 2. und der letzte Schlag mit einer stärkeren Betonung „gezogen" werden mußte. Einer meiner Großonkel konnte dies, so daß er kurz vor 18 Uhr am Heiligen Abend die Treppe des Schulhauses hinaufstieg, vom Dachboden mit einer Leiter in das niedrige Glockenstübchen gelangte und Punkt 18 Uhr mit dem „Tellerläuten" begann. Mit dem ersten vernehmbaren Glockenschlag trotz größter Kälte wurde das Küchenfenster halb geöffnet, um dieses wichtige Ereignis nicht zu verpassen, begannen groß und klein, den auf Rhythmus und Tonführung des Geläutes abgestimmten Satz zu singen: „Trach Däller fort! Trach Datier fort!" bis die Kinder mit einem Teller unterm Arm das Haus oder die Wohnung verlassen hatten, um ihn zu ihren evangelischen „Paaten" oder ihren katholischen „Patten" zu bringen. Die Patin hieß für beide Konfessionen „Gothe". Die Kinder jedoch, die in heller Freude und christkindbegeistert aus den Häusern stürzten, sangen während des Laufens das „Traach-Däller-fort" voller freudiger Erwartung darauf, was das Christkind hineinbringen würde. Sobald man das Haus von Patin oder Paten betrat, sangen auch diese das „Traach-Däller-fort", bis der Teller den Paten oder der Patin persönlich überreicht wurde. Das Tellerläuten begleitete natürlich diese Heiligabendfreude, hörte allerdings Punkt 18.10 Uhr auf. Es war für jedes Kind etwas Schreckliches, eigentlich etwas Nichtwiedergutzumachendes, wenn es nach der Zeit des Tellerläutens erst den Teller abgab. Kam es wirklich einmal vor, gaben sich nach außenhin Patin oder Pate leicht beleidigt. Sie schickten aber niemand weg, ohne dasselbe zu sagen, womit sie auch die rechtzeitig erschienenen Patenkinder verabschiedeten: „Na ja, mä wunn moa seehn, watt dött Kröskindche brängt. Esch menn, esch hätte ott ärwen ald off der Kier gesehen!" Dieser Hinweis war uns Kindern genug, um zu hoffen, daß am Weihnachtstag der Teller gefüllt war.

Der Pate und die Gothe hatten ja bereits gesehen, daß das Christkind schon im Dorf war! Mit „Naja da, bis morrnze morrjen" im Ohr liefen wir alle wieder zu unseren Eltern zurück, und es war von Außenstehenden nicht auszudenken, was die einzelnen Kinder zwischen dem Tannengeäst des Waldes, der die Kier bekrönt, vom Christkindchen alles gesehen hatten.

Nach dem Tod meines Großonkels wurde das „Tellerläuten" eingestellt, denn es konnte aus verständlichen Gründen vorher nie geübt werden, d. h., entweder man konnte es, oder man konnte es nicht. Heutzutage wird das Armesünderglöcklein zwar noch „normal" am Abend des 24. Dezember geläutet, und der Zauber des bevorstehenden Weihnachtsfestes gibt dem Geläut davon etwas mit. Doch da wir auf dem Dorf immer „führnähmer" (vornehmer) werden, werden neuerdings die Kinder per Auto mit ihren Tellern zu den Verwandten gefahren. Und da die Weihnachtsteller als Dreierpack in jedem Supermarkt zum „Niedrigpreis" zu kaufen sind, werden die gebrauchten Teller meist mit dem Weihnachtsbaum verbrannt. Wir Kinder, und so taten es alle, brachten damals allerdings an jedem Heiligabend denselben Teller zu denselben Verwandten. Teils eingerissen, mit verfallender Pappe, haben wir bis auf den heutigen Tag noch unsere Weihnachtspappteller, mit Tannengrün, Sternen, Engeln, Weihnachtsmann oder dem Motiv von Christi Geburt im Mittelteil bedruckt.

Wir haben sie heute, in Seidenpapier verpackt, im Karton mit dem Christbaumschmuck, und jedes jähr werden sie mit äußerster Sorgfalt abgestaubt, mit Erinnerungen gefüllt, und wieder in Seidenpapier gehüllt in den „Krössdaachskaadong" (Weihnachtskarton) gelegt. Wie ich von einigen Altersgenossen erfahren habe, machen sie es genau so wie wir und denken, trotz hohen IQs im Traum nicht daran, diese Weihnachtsteller zum Papiermüll zu geben.

Mit dem „Lichchetrahn" (Lade tragen) hat es eine ganz andere Bewandtnis. Es rührt von der Gesinnung her, die dieser alte Brauch bis heute aufrechterhält, aus nichtchristlicher Zeit, in der das Wasser jeweils verschieden magische Funktion hatte. Oder es ist aus der historischen Gegebenheit unseres Ortes abzuleiten, daß das schmale Bächlein, „dö Strooth" (die Struth) Grenzfluß zwischen den Grafschaften Sayn- Hachenburg und Freusburg war. Das heißt, die dem Trauerhaus gegenüber lebenden Dorfbewohner waren nach dem damals geltenden Recht „Ausländer".

Wichtiger, und die l. Interpretation dieses Brauches bestimmend, ist die Tatsache, daß sogar heute noch, selbst wenn die Angehörigen in großem Leid sind, sie gefragt werden „Wer sall saij (Sie), önn (ihn), ött (es) draahn?" (tragen)

Einhellig ist die Antwort wie vor 50, 100 oder, wer weiß wievielen Jahren „Wer? Datt öss egal !(Wer das ist, ist egal). Nur kenn von üwer da Baach" (Nur keiner von jenseits des Baches). Die Begründung dafür: Ihr wißt genau „er" „sie" „es" holt einen dann bald nach. „Ihrwößt genau, ha, saij, ött horten en dovon baal noch". Und so denkt man heute noch und handhabt diese Gepflogenheit. Wenn nun der Einwurf kommt: „Die un die kunnen mä doch nett närmen! Dau weißt, wie lang mä alt mött dann niks mie geschwatt hann" (Die und die können wir doch nicht nehmen, Du weißt, wie lange wir schon mit denen nichts gesprochen haben) - ist die Antwort von den Frauen des Hauses ganz lapidarisch „Datt waiß esch bässer wie dau ! Aber heut hann mä nu önn Lichche ! Wenn dau dann Aahl net froachen wollt, da froach enn von dann aneren Mannskerle öm Haus. Wenn Ihr nett goaht, goaht esch selwer". Übersetzung: Das weiß ich besser als du! Aber heute haben wir eine „Leiche!" Wenn du den Alten nicht fragen willst, dann frage ich einen von den anderen Männern im Haus. Wenn ihr nicht geht, gehe ich selbst. Wenn auch widerstrebend ging, bzw. auch heute noch geht einer der „Mannsleut" zu den Nachbarn auf der diesseitigen Seite des Struthbaches, um zu fragen, wer „die Lichche" tragen wolle.

Wenn Tacitus bereits feststellte, welche große Rolle die Frau bzw. die Mutter der Familie in wichtigen Entscheidungen des sozialen und religiösen Lebens bei den Germanen spielte, so sehe ich ihn heute darin noch bestätigt; denn ein weibliches Mitglied der Trauerfamilie bewegt einen männlichen Angehörigen zum verfeindeten Nachbarn oder Verwandten zu gehen, und ein weibliches Mitglied derjenigen Familie, gibt meist für die Männer, die zum „Lichchetraahn" gebeten worden sind, die Antwort: Verlooß dich troff, eer von dann Mannskärlen dööt ött (Verlaß Dich drauf, einer von den Männern tut es). Es war nämlich seit Jahrhunderten ein ungeschriebenes Gesetz, daß niemand auf der einen „Bachseite" dem anderen, auch wenn er de größte „Mäckes" war, das „Lichchetraahn" und die Teilnahme am anschließenden „Lichekaffi" (Leichenschmaus) versagen durfte. Auf diese Weise wurden durch einen Todesfall Feindschaften und Unfreundlichkeiten mit zu Grabe getragen, und fortan lebten benachbarte oder verwandte Familien zuerst zwar etwas „höösch" (zurückhaltend) miteinander, was sich aber, wie die Erfahrung zeigte und zeigt, zu einer „gutnachbarlichen" bzw. „gutverwandtschaftlichen" Beziehung weiterentwickelte und Frieden und Eintracht stiftete. Was will man mehr, bzw. soll man mehr?

( Aus: DER WESTERWALD, 1998 Heft 1)

Gesellschaft für Heimatkunde im Westerwald - Verein